Reuter, W.: Ueber die Benutzung der Mercatorschen Funktion, 385
würden. Es läfst sich dies leicht ausführen, wie ich es in meinem Exemplar
handschriftlich gethan habe, indem man oben und unten neben. die Grade des
Winkels die entsprechenden Stunden und Minuten, dann links von oben nach
unten, rechts von unten nach oben neben die Bogenminuten die Zeitsekunden
von 0” bis 4” setzt. Man hat dann nicht nöthig, während der Rechnung Bogen
in Zeit und umgekehrt zu verwandeln, was allerdings leicht ist, aber doch einige
Unbequemlichkeiten verursacht. Aufserdem haben die Tafeln noch einen anderen
Vorzug vor den trigonometrischen Tafeln. Man kann nämlich eine ganze Anzahl
Differentialquotienten fast unmittelbar aus ihnen entnehmen, Die Aenderung der
Funktion (nicht eingeklammert) ist gleich der Sekante des zugehörigen Winkels,
also die der Kofunktion die Cosekante. Ebenso sind die Verhältnifszahlen der
Funktion und Kofunktion (eingeklammert) die Kotangente, bezw. Tangente
des zugehörigen Winkels. Ist also z. B. die Längenänderung dt = sec -cotg A
yesucht, so entnimmt man für das Azimut die Kotangente und führt die Multi-
plikation mit der Gradtafel aus, die bei nautischen Rechnungen doch jedenfalls
zur Hand sein wird, Man braucht also weder Tafeln für die Längen-, Breiten-
oder Höhenänderung, Alles kann derselben Tafel entnommen werden. Professor
Börgen selbst hat hierauf im Februarheft der Annalen aufmerksam gemacht.
Vergleicht: man die Formeln für die nautischen Rechnungen in der
Mercatorschen Funktion mit den trigonometrischen Formeln für dieselben Auf-
yaben, so sind manche von ihnen umständlicher, andere dagegen entschieden ein-
facher, Ich werde num versuchen, zu zeigen, dafs gerade die Rechnungen, welche
zur Bestimmung einer Standlinie erforderlich sind, sich durch die Mercatorsche
Funktion einfacher lösen lassen wie durch die trigonometrischen Funktionen.
Was die Ableitung der Formeln anbelangt, so mul auf die oben erwähnte Ab-
handlung des Professors Börgen verwiesen werden. Ich bemerke nur, dafs einige
kleine Aenderungen vorgenommen sind, und zwar in Bezug auf die Zählung des
Azimuts und auf die Stellung der Rechnung. Professor Börgen zählt als Astronom
das Azimut vom unteren Pol durch West ganz herum, während es fast ganz all-
gemein in der Navigation vom oberen Pol nach Ost und West bis 180° gezählt
wird, Ich werde die letztere Art der Zählung beibehalten und habe deshalb ein
Zeichen ändern müssen. Die vorkommenden Hülfswinkel sind stets mit X,, X,,
x, u, s. w. bezeichnet, auch ist ihre Reihenfolge hin und wieder abgeändert. Ob
die von mir gewählten Rechnungsschema zweckmäfsig sind, mögen diejenigen be-
uartheilen, welche einen ernstlichen Versuch machen, die Mercatorsche Funktion
anzuwenden.
Bei den Rechnungen ist noch zu beachten, dafs Breite und Zenithdistanz
stets das positive Vorzeichen erhalten, die mit der Breite ungleichnamige Ab-
weichung aber negativ zu nehmen ist,
Zur Bestimmung der Standlinie kommen drei Methoden in Betracht: die
Längenmethode, die Breitenmethode und die Höhenmethode. Die Längenmethode
besteht darin, dafs man aus einer beobachteten Höhe mit einer gegifsten Breite
die Länge und das Azimut berechnet. — Es ist selbstverständlich vorausgesetzt,
dafs die Beobachtung nach einem Chronometer angestellt ist, dessen Stand und
Gang bekannt sind; der Kürze wegen wird dies nicht jedesmal besonders be-
merkt. — Dadurch erhält man die Tangente der Höhenkurve, ‚Die Sehnenmethode
wird jetzt weniger benutzt; sie besteht darin, dals man zu zwei angenommenen
Breiten aus der beobachteten Höhe die Länge berechnet. In den folgenden Bei-
spielen sind alle Nebenrechnungen, da sie Jedem bekannt und geläufig sind, als
unwesentlich fortgelassen und nur die Berechnung von Stundenwinkel und Azimut
durchgeführt. . Die Formeln für Stundenwinkel und Azimut, wenn man die
Mercatorsche Funktion benutzt, sind:
f(x) = £(2— 0 +
E(x,) = f(z +08) — f (7)
cof(t) = 4 { ecof (x,) -+ cof (x,) }
cof (a) = + 4 cof (x,) — cof (x,) V
. Beispiel 1. (Börgen, Seite 12.) Es sei beobachtet auf 15° 20‘ N-Br
nachmittags die wahre Höhe der Sonne 27° 38‘; die Abweichung der Sonne war
22° 17° N.
Ann. d. Hvär. ete., 1900, Heft VII