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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 28 (1900)

274 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1900. 
Wetterkarten geben die Luftdruckvertheilung in den unteren Schichten der 
Atmosphäre, und diese ist von der der oberen Schichten ganz verschieden, ledig- 
lich eine stark lokal beeinflufßste Erscheinung, so dafs alle Schlüsse auf Grund 
der Wetterkarten illusorisch werden! Neben den Minima treten in den Wetter- 
karten noch Maxima auf, die für die heutige Prognose von Wichtigkeit sind, 
Diese Hochdruckgebiete sind stabiler, doch ist die Witterung in ihrem Bereiche 
in den einzelnen Fällen auch verschieden; es treten lokale Unterschiede auf und 
sie stimmen mit den Maxima der höheren Schichten auch nicht immer überein, 
Insbesondere sollen die Wetterkarten die Verdrängung der Maxima durch De- 
pressionen auch fast nie zur richtigen Zeit erkennen lassen. So die Ansicht 
von Klein, 
Für den mit den Wetterkarten Vertrauten liegen die Verhältnisse doch 
etwas anders. Innerhalb der Depressionen, womit die durch cyklonale Isobaren 
gekennzeichnete Umgebung der Minima bezeichnet werden möge, wie innerhalb 
der durch antieyklonale Isobaren charakterisirten Hochädruckgebiete herrschen im 
Allgemeinen gewisse nach der Jahreszeit verschiedene Witterungszustände, von 
denen der einzelne Fall mehr oder minder stark abzuweichen vermag. Es kann 
jedoch nicht behauptet werden, dafs die heutige Wetterprognose der Voraus- 
beurtheilung solcher Abweichungen ganz rathlos gegenüberstehe! Die Depressionen 
mit ihren Minima und Theilminima bestimmen in ihrer Aufeinanderfolge und 
ihrer Abwechselung mit Hochdruckgebieten den Verlauf der Witterungs- 
erscheinungen. 
Wenn auch die besonders schnell fortschreitenden Minima nicht selten 
überraschend erscheinen, so kann doch keineswegs in der von Dr. Klein be- 
liebten Allgemeinheit das Auftreten der Minima als ein unerwartetes bezeichnet 
werden, da sich diese bei ihrem Herannahen über dem Ozean und zumal auch 
die stärkeren Phänomene in verschiedener Weise ankündigen, sei es durch ein 
Auseinanderlaufen der Isobaren im Westen, durch nordwärts gerichtete Ablenkung 
von Minima über dem Westen Europas oder zu noch früherer Zeit durch auf- 
fallend rasche Ausbreitung hohen Luftdruckes von der Biscaya-See über die 
Britischen Inseln und bis nach Skandinavien hin. Ferner kann behauptet werden, 
dafs für die auf unseren Karten auftretenden Minima, gleichviel ob sie einer der 
bekannten Zugstrafsen angehören oder nicht, die Luftdruckvertheilung im All- 
gemeinen genügenden Anhalt zur Vorausbeurtheilung ihrer Bewegungsrichtung 
darbietet, und dafs auch die Temperaturvertheilung gewisse Anhaltspunkte ge- 
währt. Abweichungen von der gemuthmafsten Richtung ihres Fortschreitens 
treten am häufigsten bei Minima über dem Westen Europas unter dem KEinflufs 
neuer, vom Ozean herannahender und ablenkend wirkender Minima auf, und diese 
selbst bieten in Bezug auf Vorausbestimmung ihrer Zugrichtung, falls nicht stark 
ausgeprägte Hochdruckgebiete vorhanden sind, die Hauptschwierigkeit für die 
Bahnbestimmung. Auch für die Veränderungen der Hochdruckgebiete giebt es 
verschiedene Anhaltspunkte; so kann man ziemlich sicher erwarten, dafs sehr 
rasch über Westeuropa zur Entwickelung gelangende Hochdruckgebiete ebenso 
schnell zu verschwinden pflegen. Die gröfste Schwierigkeit bieten der Prognosen- 
stellung die gelegentlich rasch auftretenden Aenderungen der Intensität und Ge- 
schwindigkeit der Depressionen und Hochdruckgebiete. Wenn sich ein stationäres 
Minimum plötzlich in Bewegung setzt oder das Fortschreiten plötzlich auf- 
hört, wenn ein tiefes Minimum sich auf dem Wege verflacht oder ein wenig 
tiefes Minimum sich plötzlich stark vertieft und wenn in selteneren Fällen un- 
vermuthet starke Aenderungen in der Intensität und dem Umfang der Hochdruck- 
gebiete eintreten, so erfolgen im Witterungscharakter starke Aenderungen, deren 
Voraussage im Allgemeinen noch selten gelingt; solche Störungen der Konti- 
nuität gehören aber zu den Ausnahmen. 
Die Witterung in den unteren Schichten ist wesentlich durch die Druck- 
vertheilung am Erdboden bedingt, da diese die Luftmassen in der Tiefe in Be- 
wegung setzt. Selbst zugegeben, dafs die Druckvertheilung in der Höhe mit 
ihren Wandlungen für die im Meeresniveau auftretenden Aenderungen mafsgebend 
ist, mit welchem Recht würde hieraus mit Dr. Klein zu folgern sein, dafs es 
unmöglich sei, aus der durch die Wetterkarten gegebenen Druck vertheilung 
Schlüsse über deren weitere Entwickelung zu ziehen! Diese Behauptung steht 
im Allgemeinen im Widerspruch mit der Erfahrung und muß auch in ihrer Be-
	        
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