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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1900.
Beziehung zwischen Tornados und den Gezeiten im Busen von Guinea.
Aus dem Reisebericht S. M, S. „Habicht“, Kommandant Korv.-Kapt, Graf v, Oriola. 1898/99,
Im Gebiet des Kamerun-Flusses konnte mit grofser Regelmäfsigkeit wahr-
genommen werden, dafs die in der Uebergangszeit besonders zahlreichen Tor-
nados nie vor Beginn der Ebbe eintraten, meistens dagegen unmittelbar mit
dem Einsetzen der letzteren oder kurz nachher. Es liefs sich deutlich beobachten,
wie die den Tornado begleitende eigenthümliche Wolkenfiguration während der
Fluth ihre Stellung am Horizont nicht veränderte, während sie bei Ebbe mit
grofser Geschwindigkeit heraufrückte. Abgesehen von dem meteorologischen
Interesse, das die Erscheinung bietet, ist sie von praktischem Werth speciell
für das Einlaufen in den Kamerun-Flufßs insofern, als die Tornados von äußerst
heftigen Regengüssen begleitet sind, die die Sichtigkeit der Luft auf ein Minimum
reduciren und für das Auffinden der Bojen oder Landmarken höchst unbequem
sind. Droht daher ein Tornado, so ist nach der diesjährigen Erfahrungen an-
zurathen, womöglich vor Eintritt der Ebbe das schmale Fahrwasser zu passiren.
Aber nicht nur im Flußgebiet, sondern auch an der offenen Küste wurde
bei jeder Gelegenheit beobachtet, dafs Tornados und Fluthwechsel zeitlich im
Zusammenhang stehen, so z. B. bei Victoria, Fernando Po, Kap Lopez und
Princess Island. Theilweise wurden die eigenen Beobachtungen durch Aussagen
von europäischen Küstenbewohnern bestätigt gefunden.
Dampferroute von Genua nach Gibraltar.
Von Kapt. Chs, Lübcke, Hülfsarbeiter der Deutschen Seewarte.
Anfang Dezember vorigen Jahres erhielt ich den Auftrag, den Dampfer
„Savoia“, der „La Veloce“ in Genua gehörend, von Genua nach Newcastle on
Tyne überzuführen.
Da die italienische Regierung es nicht zugeben wollte, dafs ich mit
meinem deutschen Patent die Führung des obengenannten Schnelldampfers über-
nahm, so wurde mir Kapt. Bucelli, Führer des Dampfers „Nord America“, als
Flaggkapitän mitgegeben.
Die Führung der „Savoia“ von Genua bis Gibraltar übernahm Kapt.
Bucelli, da derselbe im Mittelmeer sehr bekannt war; wir verliefßsen den Hafen
von Genua am 11. Dezember 4* p, reducirten die Fahrt von 17 auf ca 12 Meilen,
am Kohlen zu sparen, hatten bei der Abfahrt leichten Nordwind mit ruhiger
See, passirten um 7"p C. delle Mele, bemerkten dann eine leichte Dünung von
vorne, worauf Kapt. Bucelli mir erklärte, dafs diese WSW-Dünung ein sicheres
Zeichen von stürmischem Wetter im Golf von Lyon sei; da ich nun selber schon
mehrere Jahre als Führer eines „Kosmos“-Dampfers in diesen Gegenden gefahren,
30 war mir doch die Aeufserung des italienischen Kapitäns neu, hatte auch nichts
davon in Segelhandbüchern gelesen. 7
Wir nahmen unsern Kurs deshalb längs der Küste, bemerkten bald, dafs
der Nordwind abflaute und die Dünung von vorn immer stärker wurde; um 12" p
passirten C. Garoupe, Wind nach W holend mit Stärke 2 bis 3, ebenfalls die
westliche Dünung immer mehr zunehmend, so dafs die „Savoia“ anfing zu
stampfen; um 4a den 12. passirten Hyeres-Insel in einem Abstand von 2 Sm,
and sprang der Wind, nachdem wir gut frei von den Inseln waren, plötzlich mit
giner Stärke von 8 bis 9 auf NW; wir nahmen daher unsern Kurs nicht direkt
nach C. Palos, Spanien, sondern fuhren längs der französischen Küste in einem
Abstand von einigen Seemeilen, um von der wilden See, welche ja immer bei
stürmischem Wetter außerhalb des Golfs herrscht, verschont zu bleiben. Letzteres
gelang uns auch vollständig; denn im Verhältnils zu dem stürmischen Wetter
hatten wir nur einen Seegang von Stärke 4, wodurch unsere Fahrgeschwindigkeit
nicht verringert wurde. Kapt. Bucelli sagte mir dann auch, daß die Kapitäne
der „La Veloce“ von der Direktion strengen Befehl hätten, in den Winter-
monaten, wenn Anzeichen von stürmischen Nordwinden vorhanden seien, und