Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Februar 1898,
Mit dem Verschwinden jener in nörd-südlicher Richtung auch Centraleuropa
durchschneidenden Einsenkung des Luftdruckes und der Ausdehnung hoher
Barometerstände über den gröfseren nördlichen Theil Europas trat am 16. Mai
über Deutschland allgemein heitereres und wärmeres Wetter ein. Regen fiel alsdann
vereinzelter und meist in Begleitung von Gewittererscheinungen, welche Phänomene
übrigens selbst während der vorangehenden sehr kalten Tage nicht ganz aus-
geblieben waren.
Von dieser Zeit, also der Mitte des Mai bis in die erste Woche des
Juli ist das Wetter über Deutschland mehrfach wechselnd, überwiegend jedoch
warm, heiter und trocken. Die Regenfälle sind also seltener, im Einzelnen aber
zuweilen aufserordentlich heftig und ergiebig. Sie haben fast durchweg den
Charakter von Gewitterregen, und daher sind die Niederschlagssummen sehr
angleichmäfsig vertheilt.
In dieser Zeit findet sich eine Reihe sehr warmer Tage, an denen das
Thermometer mittags vielfach 30° überstieg, so am 30. Mai, am 4., 5., 13., 14.,
24. bis 26. Juni und 29. Juni bis 3. Juli. Die kühleren, trüberen und etwas
regnerischen Zeitabschnitte erstrecken sich über die Tage vom 22. bis 26. Mai,
vom 8. bis 11. und vom 18, bis 21. Juni. Besonders stark ist der Temperatur-
rückgang vom 17. und 18, Juni, welcher in Süddeutschland stellenweise ein
Sinken des Thermometers fast um 18° herbeiführte und die Lufttemperatur dem
Gefrierpunkt nahe brachte. Zwischen dem 17. und 20, Juni fiel in den höheren
Lagen des Schwarzwaldes und der Vogesen sogar Schnee. Das trübere, infolge-
dessen kühlere Wetter sowie die reichlicheren Niederschläge stellten sich dann
ein, wenn jene bereits erwähnte Einsenkung längs einer von West nach Ost
verlaufenden, Deutschland durchschneidenden Linie sich entwickelte. Besonders
stark wurde Süddeutschland bei dieser Lage der Minimallinie des Luftdruckes
von wolkenbruchartigen Regenfällen betroffen. Auch die schweren Gewitter
und Hagelschläge, welche am 30. Juni und 1. Juli über die nördlichen Gegenden
des Elsaß, von Baden und Württemberg bis nach Bayern hinein verheerend
Jahinzogen, folgten einer solchen Eiusenkung des Luftdruckes, welche, wenn auch
nur schwach, so doch noch deutlich in den Barometerständen und Windrichtungen
sich erkennen läfst. In der Frühe des 1. Juli wurden nicht weniger als 42
Gemeindemarkungen des nördlichen Württembergs mit Schlofßsen von der Größe
von Hühner- und Gänseeiern 20 bis 25 Minuten lang überschüttet, bis alle Halm-
frucht in den Boden hinein vernichtet, alle Rebstöcke bis an die Wurzel, alle
Blätter und alles Obst, sogar die Fruchtzweige von den Bäumen, ja von den
Zweigen selbst die Rinde bis auf den Stamm herab zerschlagen waren. In Bezug
auf die Einzelheiten dieses Unwetters sei auf den Bericht in den „Mitteilungen
des Königlich Württembergischen Statistischen Landesamts“ 1897, No. 9, hin-
gewiesen.
In den ersten drei Tagen des Juli entwickelte sich über dem nördlichen
und östlichen Europa eine Depression, unter deren Einflufs auch Norddeutschland
gelangte. Daher trat nach dem 3. Juli daselbst trübes und regnerisches Wetter
ein, besonders infolge lebhafterer nordwestlicher Winde, begleitet von erheblicher
Abkühlung. Süddeutschland blieb jedoch zunächst noch unter der Herrschaft
hohen Luftdruckes, der über dem südwestlichen Europa sich erhielt, das heitere,
warme und trockene Wetter dauerte demnach südlich vom Main meist noch fort.
Die Abhängigkeit des Wetters in Deutschland von der jeweilig bestehen-
den Druckvertheilung und Luftbewegung während der beiden Monate Juli und
August des Sommers 1897 läfst sich nicht in einfacher Weise darstellen. Um
diese Abhängigkeit festzustellen, würde es einer besonderen eingehenderen Unter-
suchung bedürfen, welche über die hier gegebenen Grenzen hinausginge. Es kann
daher hier nur einfach der Verlauf der Witterung während dieser Zeit wieder-
gegeben werden. Nur sei bemerkt, dafs in diesen beiden Monaten jene mehr-
fach erwähnte Linie, längs der eine Tendenz zur Bildung aufsteigender Luft-
ströme bestand, eine etwas nördlichere Lage über Deutschland als in den
vorangehenden Monaten angenommen hatte. Demzufolge gingen die heftigen
Regenfälle nunmehr zahlreicher und meist ergiebiger über Nord- und Mittel-
deutschland als über Süddeutschland nieder.
Das am 4. Juli in Norddeutschland eingetretene Regenwetter dauerte
daselbst bis zum 8. Juli fort; dann liefls der Regen nach, und im westlichen