Herrmann: Rückblick auf das Wetter in Deutschland im Jahre 1897.
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und regnerischen Juli, mit Ausnahme der letzten Woche heiteren und warmen
August, unfreundlichen und regnerischen September, überaus trockenen, in der
Wärme wechselnden Oktober und November und besonders für Norddeutschland
ungewöhnlich milden und ziemlich trockenen Dezember. Ganz besonders hervor-
zuheben ist die aufserordentlich lauge Trockenperiode, welche mit wenigen Unter-
brechungen von der letzten Woche des September bis zur letzten Woche des
November, also ungefähr zwei Monate lang, anhielt.
Die westliche Luftströmung und das milde Wetter, das in der letzten
Dezemberwoche des Jahres 1896 über Deutschland geherrscht hatten, nahmen
daselbst bereits am zweiten Tage des neuen Jahres ihr Ende. Der niedrige
Luftdruck, welcher bis dahin über Nordeuropa bestand, verschwand, indem der
hohe Luftdruck von Centraleuropa aus sich auch über diese Gegenden ausbreitete.
Demzufolge flauten die lebhaften wärmeren westlichen Winde über Deutschland
ab. Nach bald folgender Entwickelung höheren Luftdruckes im Osten und Nord-
osten Europas traten vorwiegend südöstliche Winde an ihre Stelle, welche das
Sinken der Temperatur weiter förderten. Dieser Umschlag der Witterung vollzog
sich in den Tagen vom 2. bis 4. Januar und war besonders über Westdeutschland
von starken und weitverbreiteten Nebeln begleitet. Eine Eigenthümlichkeit dieses
Vorganges war es, dafs die Abkühlung über Westdeutschland früher und stärker
einsetzte als über dem gröfseren Theile Ostdeutschlands. Ueber diesem lagen
noch am 3. Januar die Temperaturen meist über 0 Grad unter dem Kinflufs
mäßiger nordwestlicher Winde, welche von der wärmeren Ostsee her wehten.
Vom 4. bis 7. Januar herrschte dann über ganz Deutschland trockenes Frost-
wetter mit veränderlicher Bewölkung, stellenweise auch heiterem Himmel,
Während nun nach diesen Tagen über Ostdeutschland die Kälte noch
weiter zunahm, so dafs an manchen Orten selbst mittags das Thermometer —- 10°
nicht überstieg und überhaupt über ganz Norddeutschland der Frost auch am
Tage bis zum 11. Januar anhielt, trat über Süddeutschland bereits am 8. tagsüber
Thauwetter ein, und nur des Nachts sank zunächst daselbst die Temperatur
wieder unter den Gefrierpunkt, insofern man die höheren Gebirgslagen natürlich
aufser Betracht läfst,
Diese Erwärmung über Süddeutschland ist dem langsamen Vordringen
einer Depression von der Biscaya-See aus gegen Osten zuzuschreiben. Die Isobaren
hatten daher daselbst und über dem ganzen südwestlichen Europa eine Krümmung
um einen westwärts gelegenen Mittelpunkt; die allgemeine Luftströmung war
dementsprechend in diesen Gegenden eine solche, dafs sie wärmere Luft aus
südlicheren Gegenden zuführte, obgleich die Winde über Süddeutschland auch in
diesen Tagen aus östlichen Richtungen wehten. Im Gegensatz hierzu lag der
Mittelpunkt der Isobarenkrümmung über dem nordöstlichen Theile Europas nord-
ostwärts. Die Luft, welche dem östlichen und nördlichen Centraleuropa zu-
strömte, entstammte daher dem kalten Innern des europäisch - asiatischen
Kontinentes.
Mit der weiteren Verlagerung der Depression gegen Osten liefs am
12. Januar die Kälte auch über Norddeutschland nach. Vom 13. bis zum 19. Januar
stieg das Thermometer bei trübem, vielfach nebligem Weiter an den meisten
Orten Deutschlands wenigstens am Tage über den Gefrierpunkt.
In diesen ersten zwei Dritteln des Januar blieben die tiefsten Barometer-
stände der gröfseren Depressionen im Allgemeinen in gröfserer Entfernung von
Deutschland. Demzufolge sind die Niederschläge in dieser Zeit daselbst auch
seltener und gering; nur vorübergehend bildete sich eine schwache Schneedecke,
Mit dem 20. Januar trat hierin eine Aenderung ein. Nachdem an den
vorhergehenden beiden Tagen der hohe Luftdruck wieder über unsern Erdtheil
mit Ausnahme der Mittelmeerländer sich verbreitet hatte, begann sowohl im
Südwesten als auch im Nordosten Europas das Barometer stark zu fallen. Als-
bald sank über dem gröfsten Theil Europas der Luftdruck unter den mittleren
Wertb. Die verschiedenen Gegenden kamen in größere Nähe zu den Luftdruck-
Minima, und die Folge davon waren reichliche Niederschläge, die im Allgemeinen
während des letzten Drittels des Januar und des ersten Drittels des Februar
anhielten.
Dabei stellte sich der niedrigste Luftdruck zunächst vorwiegend in der
Umgebung der Alpen ein: dementsprechend entwickelte sich auch über Deutsch-