accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 26 (1898)

van Bebber: Einiges über Wettervorhersage. 
65 
die Waage halten, aber das Urtheil ist‘ dort am gerechtesten und auch am 
günstigsten, wo das Verständnifs am gröfsten und die Abhängigkeit vom Wetter 
am meisten obwaltet. ‚Bezüglich der Sturmwarnungen liegen eine’ grofse Menge 
von Urtheilen aus dem betheiligten und gebildeteren Publikum in den Vereinigten 
Staaten, in England und Deutschland vor; sie alle stimmen darin überein, daß 
die Küstenbevölkerung das Sturmwarnungswesen trotz der zeitweiligen Mifserfolge 
als eine segensreiche Einrichtung ansieht. Speciell von der Seewarte sind aus den 
Jahren 1882 und 1888 zwei Reihen von Gutachten von Lootsenkommandeuren, 
Hafenmeistern, Signalisten und überhaupt von solchen Personen, von denen man 
ein durch Erfahrung begründetes zuverlässiges Urtheil erwarten kann, eingeholt 
worden: alle diese Gutachten, mit je zwei bis drei Ausnahmen, äufsern sich dahin, 
dafs die bestehenden Einrichtungen des Sturmwarnungswesens die Küstenbevölkerung 
im Allgemeinen befriedigen und geeignet seien, vieles Unglück und vielen Schaden 
von unserer Küste fern zu halten, wie es durch verschiedene Beispiele nach- 
gewiesen wird.!) Ferner habe ich nach einer Unfallstatistik des preufsischen Staates 
aus den Jahren 1879 bis 1887 die schwersten und von zahlreichen Schiffsunfällen 
begleiteten Stürme mit den Sturmwarnungen verglichen und gefunden, dafs in 
fast allen jenen Fällen die Küste rechtzeitig gewarnt worden war.?) Als weiteren 
Beleg für die Wirksamkeit unseres Sturmwarnungswesens führe ich endlich die 
Thatsache an, dafe in verschiedenen deutschen Küstengebieten von Provinzial- 
Regierungen und Privaten zahlreiche Signalstellen aus eigener Initiative und auf 
eigene Kosten eingerichtet wurden und unterhalten werden, und dafs deren Zahl 
in stetiger Zunahme begriffen ist.) 
Wenngleich auch eine entwickelungsfähige Grundlage für die Wettervorher- 
sage, insbesondere aber für das Sturmwarnungswesen in keinerlei Weise fehlt, so 
müssen wir doch in Anbetracht der verwickelten Art der Witterungserscheinungen 
das Zugeständnifs machen, dafs eine breitere und sicherere Basis für die aus- 
übende Witterungskunde durchaus wünschenswerth und nothwendig erscheint, und 
dafs es erst nach langwieriger und mühevoller Arbeit endlich gelingen wird, die 
Wettervorhersage den praktischen Bedürfnissen in vollkommnerem Mafse ent- 
sprechend zu machen, Andererseits aber müssen wir wohl bedenken, daß durch 
die außerordentliche Bedeutung der Wettervorhersage für das Berufswesen, ins- 
besondere‘ für die Bedürfnisse der Küstenbevölkerung und der Landwirthschaft, 
die ausübende Witterungskunde herufen ist, das Gemeingut der ganzen Nation 
zu werden, und dafs auch geringe Fortschritte immerhin von hohem Werthe sind. 
Die neueste Zeit hat unzweifelhaft gezeigt, dafs die Entwickelungsfähigkeit der 
Wettervorhersage außer Frage steht. Wenn wir nun dabei in Betracht ziehen, 
dafs wir auch im gewöhnlichen Lehen oft noch mit viel geringeren Wahrschein- 
lichkeiten zu rechnen haben, so möchte manches leichthin gefällte und auf 
flüchtigem Eindrucke berubende Urtheil viel milder oder doch wenigstens 
gerechter ausfallen. 
Bei der Wichtigkeit der Wettervorhersage, insbesondere des . Sturm- 
warnungswesens, erscheint es für den Fachmann Pflicht und Bedürfnißs, alle 
möglichen Mittel anzuwenden, welche irgendwie geeignet sind, die. bestehenden 
Einrichtungen zu verbessern und den Bedürfnissen des dabei interessirten 
Publikums immer mehr Rechnung zu tragen. Dieses ist auch durch die Seewarte, 
insbesondere seitens der Direktion nachdrücklich geschehen, und diesen ‚Be- 
strebungen ist es zu danken, dafs das Sturmwarnungswesen an der deutschen 
Küste hinter denjenigen der anderen europäischen Staaten in keiner Weise 
zurücksteht. 
Schon seit Anfang der achtziger Jahre hatte ich mir eine doppelte Auf- 
gabe gestellt, nämlich zunächst die Witterungserscheinungen nach allgemeinen 
Gesichtspunkten zu gruppiren oder typische Wettererscheinungen aufzustellen 
und die Ergebnisse dieser Untersuchungen in gemeinverständlicher Form neben 
den Grundlehren der modernen Witterungskunde dem grofßsen Publikum zugäng- 
1) Vgl. „Monatliche Vebersicht der. Witterung“, 1882, und „Monatsbericht der Deutschen 
Seewarte“, 1889, 
2) Vgl. van Bebber: Ergebnisse der Sturmwarnungen im Jahre 1889 im Monatsbericht 
der Seewarte 1889. 
3) Gegenwärtig sind 54 solcher Signalstellen in Thätigkeit, während die Zahl der staat- 
lichen Signalstellen 57 beträgt. 
Ann, d. Hydr, ete., 1898, Heft II.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.