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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 26 (1898)

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Annalen der HAydrographie und Maritimen Meteorologie, Februar 1895. 
es doch erst in den letzten Decennien unseres Jahrhunderts gelungen, eine 
yewissermafsen befriedigende Charakteristik der Witterungsphänomene darzulegen 
and eine wissenschaftlich festgelegte Grundlage für die ausübende Witterungs- 
kunde zu schaffen, welche der Fortentwickelung fähig ist und auch Aussicht auf 
Erfolge für das praktische Berufsleben bieten kann, sei es zum Nutzen der Küsten- 
bevölkerung oder zum Vortheile der Landwirthschaft. Trotzdem die Verbreiterung 
dieser Grundlage und damit die erhöhte Nutzanwendung anf die Praxis natur- 
gemäls nur sehr langsam erfolgen kann, so sind doch die Errungenschaften, 
welche in den letzten Decennien erzielt wurden, gegenüber dem schleppenden 
Gange der Witterungskunde in der vorhergehenden Zeit so aufserordentlich be- 
deutungsvoll, dafs sie nicht übersehen werden können, um so weniger, als die 
Wettervorhersage für alle Berufsklassen von der hervorragendsten Wichtigkeit ist. 
In allen Ländern, in welchen Wettertelegraphie, verbunden mit Wetter- 
prognosen, staatlich eingerichtet wurde, sei es zum Zwecke der Sturmwarnungen, 
sei es zum Nutzen der Landwirthschaft, bat man die Erfahrung gemacht, dafs zuerst 
eine fast allgemeine Begeisterung für diese Einrichtung herrschte, dafs aber diese 
nach und nach im Allgemeinen einer Enttäuschung Platz machte und dafs die Wetter- 
vorhersagen theils übertrieben günstig und theils ebenso übertrieben ungünstig vom 
Publikum beurtheilt werden; nur selten liegen die Urtheile in der Mitte und sind den 
thatsächlichen Verhältnissen entsprechend. Diese Thatsache ist keineswegs auf- 
fallend, da es mit außserordentlichen, ja fast unüberwindlichen Schwierigkeiten ver- 
knüpft ist, eine klare Uebersicht über die Erfolge der Wettervorhersage in den 
einzelnen Staaten zu gewinnen. Zwar werden fast überall die Zahlenwerthe der 
Trefferprocente veröffentlicht, allein die Methode der Prüfung, die dabei an- 
genommenen Gesichtspunkte sind so verschieden, die Willkür hat oft einen so 
grofsen Spielraum, dafs die Vergleichbarkeit dabei völlig fehlt. Eine ganze Reihe 
von Umständen fällt dabei ins Gewicht und beeinflufst das Hauptresultat, so ins- 
besondere der Zufall, die Krhaltungstendenz des Wetters, die gröfsere oder geringere 
Wichtigkeit der einzelnen Elemente für den Prognosenempfänger, die Stellung des 
Prüfenden zu den Ergebnissen, die Fassung der Prognosen u. dgl., und so bleibt der 
Willkür noch ein sehr grofses Feld. An der Seewarte waren in neuester Zeit 
zahlreiche Bestrebungen dahin gerichtet, bei der Prüfung der Wetterprognosen 
und Sturmwarnungen jede Willkür zu entfernen und so eine möglichst rationelle 
Methode zu schaffen, aber auch hier zeigten sich nicht zu entfernende Schwierig- 
keiten, und die Endergebnisse brachten den wahren Werth der Wettervorher- 
sagungen nicht zum richtigen Ausdruck; dabei waren die Ergebnisse ganz andere 
als in der früheren Zeit.) Im grofsen Ganzen ergiebt sich das Resultat, dafs 
Wetterprognosen, welche auf Mondeinflufs u. dgl. begründet sind, die größten, 
ja „verblüffende“ Erfolge aufweisen, daß diejenigen von Wetterkundigen mit 
mangelhafter Information durchschnittlich etwa 90°% Treffer erzielen und endlich, 
dafs die von den mit allen Hülfsmitteln ausgestatteten Instituten bedeutend zurück- 
bleiben. Unter diesen Umständen hielt es denn die Seewarte für richtig, von der 
Veröffsntlichung der Prüfungsresultate bis auf Weiteres abzusehen. 
Der beste und jetzt einzig entscheidende Mafsstab für die Wirksamkeit 
der Wettervorhersage ist das Urtheil desjenigen Publikums, welches an den 
Wettervorhersagen am meisten Interesse hat. — Was zunächst die Stellung der 
Landwirthe zu der Wettervorhersage betrifft, so gehen die Urtheile hier weit 
auseinander, einerseits begegnen wir hier einem ausgesprochenen Optimismus, 
andererseits einem nicht minder ausgesprochenen Skepticismus, so dafs sich beide 
1) Bei der Prüfung der Sturmwarnungen wurden auf Grund einer Kummissionsberathung 
die Anemometerangaben an den Normalbeobachtungsstationen der Scewarte zu Grunde gelegt (vgl. 
„Beiheft II zum Monatsbericht der Deutschen Scewarte“, Jahrg. 1889, und „Annalen der Hydro- 
graphie etc.“ 1890). Zu dieser neuen Prüfungsmethode wurde aus einem doppelten Grunde über- 
gegangen, und zwar: 1. weil die bisher zur Prüfung verwendeten Schätzungen des einzelnen 
Signalisten auch an nahe und ganz ähnlich gelegenen Stationen so erheblich und so häufig vonein- 
ander abweichen, dafs eine Vergleichung nicht möglich oder doch sehr erschwert ist, und 2. weil 
es an der Seewarte als ein Bedürfnifs erschien, sich von jeder Willkür bei der Prüfung der Sturm- 
warnungen frei zu machen. Die bei der Prüfung augenommene „Sturmnorm“, welche bereits früher 
in Russland angewendet wurde, sollte nur ein angenähertes, nicht aber ein absolutes Mafs für die 
untere Grenze der stürmischen Winde abgeben, wobei aber hervorgehoben wurde, dafs in den stünd- 
lichen Mitteln Böen u. dgl. nicht. zum Ausdruck kommen.‘ Eine bessere rationelle Methode für die 
Prüfung von Sturmwarnungen konnte bis jetzt noch nicht geschaffen werden,‘
	        
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