Unterströmungen in der Strafßse von Bab-el-Mandeb,
Bin
Unterströmungen in der Straflse von Bab-el-Mandeb.
Das Hydrographische Amt der Britischen Admiralität veröffentlicht soeben
die Ergebnisse der Untersuchungen über die Unterströmungen in der Strafse von
Bab -el-Mandeb, welche I. B. M. Vermessungsschiff „Stork“, Lieutenant und
Commander H. J. Gedge, im Januar dieses Jahres ausführte.
Diese Untersuchungen sind von hervorragendem hydrographischen Interesse,
insofern sie die Wiederholung derselben Erscheinung an zwei räumlich getrennten
Stellen, aber unter ähnlichen äufseren. Verhältnissen nachweisen und damit zu-
yleich den Beweis für die Richtigkeit der vom damaligen Kapt. Wharton gegebenen
Erklärung!) für das Auftreten der Unterströmung im Bosporus und den Dar-
danellen liefern.
Wir geben zunächst aus dem „Report on the Undercurrents in the Straits
of Bab-el-Mandeb from Observations by Lieutenant and Commander H. J. Gedge,
R. N. H. M, S. »Stork« 1898“ (London 1898, Preis 1 sh.) im Wesentlichen die
vom Hydrographen der Britischen Admiralität, Kontre - Admiral Sir William
Wharton verfaßlte Einleitung wieder: $
Es ist seit langer Zeit bekannt, dafs im Bosporus und den Dardanellen,
während das Oberflächenwasser stark vom Schwarzen nach dem Mittelmeere hin
ausläuft, in gewisser Höhe über dem Meeresboden eine entgegengesetzte Wasser-
bewegung vor sich geht.
Während wahrscheinlich die vielen grofsen Ströme, die dem Schwarzen
Meere ihre Wassermassen zuführen, einen Antheil am Zustandekommen des
Oberflächenstromes haben, schienen die Umstände, unter welchen der Unterstrom
entdeckt wurde, klar darauf hinzuweisen, dafs die Oberflächenströmung, welche
der im Allgemeinen vorherrschende Nordostwind durch die Anhäufung des
Wassers im südwestlichen Theile des Schwarzen Meeres verursacht, der Haupt-
urheber dieser Erscheinung sei.
Die in etwas ähnlichen Verhältnisse in der Strafse von Bab -el- Mandeb
schienen eine weitere, lange Jahre vergeblich ersehnte Gelegenheit zu bieten,
diese interessante Form der ozeanischen Cirkulation zu beobachten. ;
In dieser Straße herrscht nahezu ein halbes Jahr mehr oder weniger starker
östlicher Wind, der grofse Wassermengen vor sich her in das Rothe Meer treibt.
Eine Wiederholung der in den Dardanellen beobachteten Erscheinung in
dieser Jahreszeit war hier daher nicht unwahrscheinlich, obwohl die starke Ver-
dunstung an der Oberfläche des Rothen Meeres durch das Einströmen von Wassser
durch die Strafse ersetzt werden muß. ;
Die Beobachtung ist allerdings schwierig; die Wassertiefe beträgt über
183 m (100 Faden), es herrscht meist schwerer Seegang, und aufßserdem macht
ein Gezeitenstrom die Sache noch verwickelter. Es war daher fraglich, ob man
mit den immerhin rohen Instrumenten, welche bei den geringeren Tiefen und
dem ruhigeren Wasser der Dardanellen verwendet wurden, hier verläfßliche Er-
gebnisse erzielen würde.
Nichtsdestoweniger erhielt Kapt. W. Usborne Moore im Jahre 1890 den
Auftrag, mit I. B. M. S. „Penguin“ den Versuch zu machen, aber die Ergebnisse
waren doch zu wenig genau, um außer der Feststellung, dafs die unteren Wasser-
schichten sich nicht nach derselben Richtung bewegten wie die oberen, genauere
Aufschlüsse zu geben.
1) Diese Untersuchungen wurden von Sir W. Wharton als Commander und Kommandant
I. B. M. S. „Sheerwater“ 1872 ausgeführt, in den Dardanellen zwischen dem 14. Juni und 30. Oktober,
im Bosporus zwischen dem 17, und 26. August und 12. und 18. Oktober, und hatten folgendes Ergebnifs :
Das Wasser des Schwarzen Meeres strömt im Allgemeinen durch den Bosporus, die Marmara-
See und die Dardanellen ins Mittelmeer, verursacht durch folgende Einwirkungen: 1. durch das
Vorherrschen der Nordostwinde im Bosporus, 2. zu gewissen Jahreszeiten durch den Ueberschufs
des aus den grofsen Flüssen kommenden Wassers über den durch Verdunstung erzeugten Verlust,
3, durch den Unterschied des specifischen Gewichtes des Wassers in beiden Meeren. Von diesen
hat nach Wharton der Wind den gröfsten Einflufs, denn der Strom im Bosporus ist im Allgemeinen
nachmittags stärker als vormittags, und da es morgens gewöhnlich still ist und der Wind im Laufe
des Tages an Stärke zunimmt, so mufs die Zunahme der Stromstärke vom Winde abhängen („Sailing
Directions for Dardanelles etc.“, 1893 — B. V, 7 —, Seite 19, Fufsnote).
Im Allgemeinen setzt ein Unterstrom aus dem Mittelmeere in das Schwarze Meer, der von
der Oberflächenströmung insofern abhängig zu sein scheint, als, wenn letzterer schwach ist, auch der
erstere schwach ist.