Sturm in der Nacht vom 19. zum 20. September d. £. an der ostpreufsischen Küste. 503
sein werde, darüber konnte man natürlich aus diesen Anzeichen noch weniger
entnehmen als aus dem bis dahin nur gemäfsigten Auftreten dieser Winde in
der westlichen Ostsee, das aus dem Hafentelegramm hervorging. Nur hätten,
bei Kenntnifs dieser Sätze und Beachtung der Himmelszeichen, die Fischer sich
nicht so ahnungslos überraschen lassen, und hätten sie vielleicht früher mit
dem Einholen der Netze begonnen.
Werfen wir noch einen Schlufsblick auf die Erscheinung selbst, so zeigt
sie sich uns als eine nicht vorauszusehende und auch aus dem vorliegenden
Material nicht genauer verfolgbare Umformung einer von der Nordsee heran-
gezogenen. V-förmigen Ausbuchtung der grofsen Depression in NW. Die Um-
formung geschah in dem Sinne, dafs der Gradient auf der westlichen bezw.
Rückseite des V sich zu einer Druckstufe koncentrirte, so dafs der Nordwestwind
in Memel viel stärker und schneller auffrischte als in Swinemünde sowie weiter
westlich.
Die gewöhnlich derartige Ausschiefser begleitende Abkühlung war, weil
im Herbst bei Nacht das im Norden gelegene Meer an sich wärmer ist als das
Land, nur bei der Nachmittagsbeobachtung ausgeprägt. Ihre Gröfse und ihr
Fortschreiten längs der Küste wird aus folgenden Zahlen erkennbar: Es war die
Lufttemperatur um 2*p höher (+) oder niedriger (—) als am Vortage um
folgende Beträge (°C):
in Borkum Keitum Hamburg Kiel Swinemünde Neufahrwasser Memel
am 19. —7,2 —7,8 —75 —64 —62 +25 +2,0
am 20. +16 +1,0 -—+0,4 —+3,5 — 14 — 7,2 — 4,0
Der Temperaturunterschied zwischen der vorderen und hinteren Seite des
„V“ spielte also in diesem Falle, da das Phänomen auch die Nacht über dauerte,
nicht die bedeutende Rolle’in der Mechanik desselben, wie es sonst der Fall zu
sein scheint. Denn diese stürmischen „Ausschiefser“ sind besonders in Gegenden
häufig, in deren Nachbarschaft die Temperatur sich rasch mit der Breite ändert,
und auf deren Polarseite häufig Cyklonen von West nach Ost vorüberwandern,
Als solche Gegenden sind auf der Nordhemisphäre besonders die Vereinigten
Staaten östlich vom Felsengebirge mit ihren „Northers“, auf der Südhemisphäre
aber Argentinien mit seinem „Pampero“ und der Südosten von Australien mit
seinem „Southerly Burster“ bekannt. Dove bezeichnete diese Erscheinungen als
„seitliche Einbrüche des Polarstromes in den Aequatorialstrom“; doch lag im
vorliegenden Falle kein Polarstrom hinter den nordwestlichen Winden, sondern
es folgte auf sie ein neues Krimpen des Windes nach SW mit neuem Fallen des
Barometers.
Ueber das Schneiden des Aequators im Atlantischen Ozean auf
Reisen von Nord nach Süd im April.
Von L. E. DINKLAGE.
In ‚den Segelhandbüchern der Seewarte wird empfohlen, dafs Schiffe,
welche im Westen der Kap Verden. passiren und den Parallel von 10° Nord von
Anfang Februar bis Ende April überschreiten, von den Kap Verden in 26° bis
27° W-Lg direkt nach Süden steuern, diejenigen aber, welche östlich von den
Inseln gegangen, ihren. Kurs auf 5° N-Br in 26° W-Lg setzen und dann nach
Süden. steuern sollten. Es wird mit dieser Anweisung bezweckt, dal die Gegend
häufigerer Windstillen, die man um die fragliche Zeit im Aequatorial- Kalmen-
gürtel in östlicherer Länge findet, nach Möglichkeit vermieden wird. Damit die
Schiffe nicht wegen des Freisegelns der Küste von Brasilien in Schwierigkeit
kommen und; so.weit es angeht, aufserhalb eines Stillengebietes bleiben, weiches
in den genannten Monaten, insbesondere März und April, oftmals in südlicher
Breite auf einer westlicheren Länge angetroffen . wird, wird ihnen ferner an-