Sturm .in der Nacht. vom 19. zum 20. September d. J. an: der. ostpreufsischen Küste. 499
Netze ausgeworfen, 36 an Zahl, und legten sich die Fischer zur Ruhe, wie sie
zu thun gewohnt sind, einzig Wache darüber haltend, dafs nicht ein heran-
nahendes Fahrzeug durch die ausgeworfenen Netze fährt. Um 12° Uhr nachts
begann plötzlich von NW her ein unheimliches Brausen der See. Die Fischer
beeilten sich, die Netze ‚einzuziehen, als ebenso plötzlich eine Totenstille über
dem eben noch dumpf brausenden Wasser eintrat. Das war das Vorzeichen einer
schweren herannahenden Gefahr. Man trug. Bedenken, Segel zu setzen und
förderte die Arbeit des Einziehens der Netze in aller Eile. Kaum war das letzte
im Kahn, als in die tiefe Stille ganz unvermittelt ein so gewaltiger Sturm einbrach,
dafs die kleinen Kähne: hoch emporgeschleudert wurden. Es war gegen 2% Uhr
zeworden. Auf den Booten, auf denen die Fischer doch ein Stückchen Segel
gesetzt hatten, war dieses bald in Fetzen gerissen. Bald begann auch gewaltiger
Regen, und es war eine Finsternifs, dafs man „die Hand vor den Augen nicht
sehen konnte“. Die See war weit und breit mit weilßsem Gischt bedeckt. Diese
nördlich von Memel fischenden Fischer aus Karkelbeck, Nimmersatt und Scheipen
haben indessen alle das Land erreicht, wenn auch ein Boot in der Brandung
kenterte. Viel schlechter als den deutschen ist es den benachbarten russischen
Fischern ergangen, die wegen ihrer gröfseren Waghalsigkeit bekannt sind. Aus
Polangen ist die ganze Besatzung von sieben angeschwemmten Booten, 20 Mann,
verloren gegangen. Die neun verunglückten deutschen Fischer sind südlich von
Memel, bei „der sogenannten Dorschbank, 3 Meilen vom Lande“, vom Sturm
überrascht worden, Ihre Boote sind das erste bei der Südspitze, das andere bei
Mellneraggen, das dritte bei Schwarzort leer ans Land getrieben.
An
Do
ii. n_—
18. Sentemher 1898 8 Uhr ahbends-
Es entsteht nun natürlich die Frage, ob die Fischer nicht hätten gewarnt
werden können. Die einzige Warnung, welche die Seewarte gegeben hat, ist
die Andeutung im täglichen Hafentelegramm, das in Memel zwischen 1 und
2 Uhr nachmittags angekommen sein dürfte. Aus dem tabellarischen Theil dieses
Telegramms war zu ersehen, daß am Morgen in Swinemünde WNW 2, in Kiel
W 3 herrschte, im Text aber ist hinzugefügt: „Maximum über 770 Frankreich...
Theilminima nordwestlich von Schottland und in Skandinavien ... Westdentsche
Küste böige westliche bis nordwestliche, ostdeutsche leichte südöstliche Winde,
Deutsche Küste Westen trübe, Osten heiter...“ Das Eintreten der hier von
dem westlichen Theile der deutschen Küste geschilderten Witterung auch für den
Osten, die Fortpflanzung des Ausschiefsers längs der Küste konnte allerdings
mit Wahrscheinlichkeit schon am Abend des 18., mehr noch am Morgen des 19.
vorhergesagt werden, wenn auch mit nach Osten zu abnehmender Sicherheit. Zu
einer Sturmwarnung war jedoch keine Veranlassung gegehen, denn bis zum
Nachmittage des 19. ist von keiner Station mehr als Windstärke 6 gemeldet
worden, die Verstärkung der Gradienten auf ganz beschränktem Raume zur
Nacht lielßs sich nach dem jetzigen Standpunkt der Wissenschaft nicht vor-
hersehen, Oft genug ist aus dem Kreise der Seewarte betont worden,
dafs die Meteorologie in der Erkenntnis der Fortpflanzung atmosphärischer