194 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1898.
gesteuert wurde, hielt bis zum 28. August auf 26° S-Br und 84,9° W-Lg an.
Hier wurde der Wind westlich, schwankend zwischen WSW und Nordwest, und
wurde damit zunächst ein Kurs recht nach Süden und noch etwas westlich von
Süd verfolgt und auf diese Weise als westlichster Punkt 85,6° W-Lg auf 41°
S-Br angesteuert. An diesem Orte artete der Wind, der meistens als frische bis
steife Briese geweht hatte, zeitweilig aber auch sehr flau gewesen war, am
2. September aus Nordwest zu einem schweren Sturme aus. Der Tag begann
mit zunehmendem Winde aus NNW und Seegang. Morgens wurde der Wind
schon stürmisch mit Böen, und um 10 Uhr vormittags, nachdem die Windrichtung
etwa zwei Striche westlicher geworden war, hatte der Sturm mit voller Gewalt
eingesetzt. Nachmittags wehte es furchtbar. Die See lief wild und hoch; das
Wasser war nur Schaum und Gischt, es wurde von dem Winde aufgehoben und
in Staubwolken weit fortgeweht, so dafs die Luft ganz undurchsichtig wurde.
Dem grofsen Fünfmaster, der mit einer Fahrt von 14 bis 15 Sm vor Sturm
und See dahin raste, wurde durch die wilden Wellen, welche das Schiff in
unheimlicher Weise überflutheten, arg mitgespielt. Oelen der See hatte wenig
Erfolg, da auch das Oel über das Schiff hinweg geweht wurde. Es mufste des-
halb, um die fördernde Kraft auszunutzen, das Schiff flach vor dem Winde
gehalten werden. Nachdem der Sturm den Fünfmaster in 24 Stunden um 376 Sm
vorwärts gebracht hatte, mäfsigte er sich um 9 Uhr abends und war um 11 Uhr
schon so weit abgeschwächt, daß wieder näher am Winde gesteuert werden
konnte. Es schlug in der Folge zum Vortheil für „Potosi“ aus, dafs sie bis
41° S-Br eine westliche Länge festgehalten hatte, denn der Wind war von dort
bis Kap Horn fast immer südwestlich und mitunter so schral südlich, dafs das
Schiff nur knapp seinen Kurs einhalten konnte. An den beiden letzten Tagen,
bevor die Länge des Kaps erreicht wurde, gab es mit Sturm aus West noch
wieder zwei gute Tagewerke von 300 und 268 Sm. Am 10. September passirte
„Potosi* Kap Horn, nach einer guten Fahrt von 23 Tagen von Caleta Buena,
yegen 28,7 Tage im Mittel.
Der günstige Wind hielt an, als Kap Horn passirt war und der Kurs
wieder dem milderen Wetter niederer Breiten zuführte. Bis 51° S-Br blieb er
südwestlich, dann wurde er nordwestlich, aus welchem Viertel er ebenso frisch
and beständig wehte, wie vorher aus Südwest. Kapt. Hilgendorf hielt mit
der vorgefundenen Gelegenheit, um etwaigem Eise aus dem Wege zu gehen,
anfänglich eine westliche Route ein, welche ihn nach einem Schnittpunkt 50°
S-Br in 54° W-Lg führte; dann wurde mit dem oft ziemlich schralen nordwest-
lichen Winde, um ihn besser auszunutzen, ein östlicherer Kurs nach 40° S-Br
and 35,8° W-Lg eingeschlagen. „Potosi“ brachte auf der 1950 Sm langen Strecke
vom Kap, die sie in sechs "Tagen zurücklegte, wieder eine Reihe von aus-
gezeichneten Etmalen hinter sich: vom 10. September bis zum 11. 251, zum
12. 273, zum 13. 305, zum 14. 279, zum 15. 253 und zum 16, September
230 Sm. Das Wetter, das in der Umgebung von Kap Horn und westlich
vom Kap sehr regnerisch gewesen war, so daß es Kapt. Hilgendorf
zu der Bemerkung veranlafste: „Es wird bald Zeit, dafs dieser Regen endlich
mal aufhört, sonst haben die Leute kein Stück trocknen Zeuges mehr; es wurde
in der letzten Zeit für Sturz- und Schwimmbäder auch zu ausgiebig gesorgt“,
war im Atlantischen Ozean hell und trocken geworden; auch hielt der Wind
sich auf mäfsiger Stärke. Im Norden von 40° S-Br, wo sehr schweres Wetter
kaum noch zu erwarten war, wurde jedoch „Potosi“ noch von dem heftigsten
Sturme betroffen, den sie auf dieser Reise durchzumachen hatte, Nachdem der
Wind am 16, September in 40° S-Br aus Nordwest flauer geworden war und bei
abnehmendem Luftdruck sich nach Nordost gedreht hatte, fing es am nächsten
Tage aus dieser Richtung an zu welıen, worauf der Wind wieder auf Nordwest
ging. Das Barometer blieb aber beim Fallen und der Wind beim Zunehmen.
{n der Nacht zum 18, September entwickelte er sich zum vollen Sturm. Am
Morgen und Vormittage wehte es aus NWzW orkanartig. Da die wilde See
fortwährend über das Schiff hinweg brandete und es fast begrub, wurde es
Kapt. Hilgendorf, der bis dahin mit 11 Knoten Fahrt seinen Kurs gehalten
hatte, doch zu viel und er liefs um Mitternacht das Schiff an den Wind legen.
„Potosi“ blieb in dieser Lage bis 2 Uhr nachmittags; dann hatte der Wind, der
inzwischen auf Südwest gegangen war, sich soweit gemäfsigt, dafs die Fahrt