Börgen: Ueber die Gezeitenerscheinungen in dem Englischen Känal. .
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Wenn das Wasser bis zu seinem mittleren Niveau gefallen ‘ist, flielst es
von der Küste weg, ist aber stationär mit Bezug auf die Bewegung kanalauf-
und -abwärts, ;
Bei Niedrigwasser läuft das Wasser kanalabwärts, hat aber keine Be-
wegung nach oder von der.Küste.
Wenn das Wasser auf sein mittleres Niveau gestiegen ist, strömt es
nach der Küste hin, ist aber stationär mit Bezug auf die Bewegung kanalauf-
und abwärts, .
Folglich wird im Laufe einer Gezeit die Richtung des Stromes durch
360° sich ändern, ohne jemals stationär zu sein, und der Sinn, in welchem diese
Richtungsänderung der Strömung vor sich geht, wird derart sein, dafs, wenn wir
uns in der Mitte des Kanals aufwärts (nach Dover zu) segelnd denken, der Ge-
zeitenstrom an der linken Seite sich im Sinne eines Uhrzeigers ändern wird, an
der rechten Seite umgekehrt wie ein Uhrzeiger.“
Dies ist genau das, was an der Südküste Englands und an der Nord-
küste Frankreichs in dem Theile zwischen Startpoint und Lizard und
St. Malo Ouessant sowie an der Nordseeküste beobachtet wird. Bei näherer
Ueberlegung wird man erkennen, dafs sich die Erscheinung innerhalb des
Gebietes gleichzeitigen Stromwechsels nicht zeigen kann, weil hier die eine Vor-
aussetzung, dafs in der Mitte des Kanals der Strom 3 Stunden nach Hochwasser
kentert, wie wir sahen, nicht mehr erfüllt wird; wir werden daher hier keine
vollständige Drehung des Stromes um 360° ohne Stauwasser beobachten können,
wohl aber kann eine partielle Drehung gröfser oder geringer, je nachdem die
Zeit des Stromwechsels in. der Mitte des Kanals weniger oder mehr beeinflufst
ist, mit dazwischenliegendem Stauwasser, welches nicht mit dem in anderen
Theilen des Kanals zusammenfällt, vorkommen,
Nach Beobachtungen von Kapt. Pelham Aldrich, welche in den Jahren
1889 und 1890 auf dem Gebiete von 48° bis 51° N-Br und 7'/2° bis 10'*/2° W-Lg,
also an der äußeren Kante der Kanal-Bank, angestellt wurden, findet hier eine
rotatorische Strömung statt, derart, dafs der Strom im Laufe einer Gezeit mit
fast gleichbleibender Stärke von West nach Nord, Ost und Süd herumgeht. Nach
der soeben nach Airy gegebenen Regel sollte also das Beobachtungsgebiet
auf der linken Seite der Fortpflanzungsrichtung der Welle liegen, und dies ist
auch thatsächlich der Fall mit Bezug auf den in die Biscaya-Bail hineinsetzenden
Zweig der weiter draufsen auf tiefem Wasser nach Norden laufenden Welle.
Also ist auch diese Thatsache in vollkommenem KEinklange mit der Theorie.
In der Nordsee liegen die Verhältnisse einfacher als im Kanal. Nach
der obigen Darstellung des Verlaufes der Fluthwellen haben wir dort zwei
Wellen, welche sich nahezu unter einem rechten Winkel kreuzen.‘ >
An der belgisch-niederländischen Küste wird die Nordseewelle — wie :wir
eben dargelegt haben — nahezu senkrecht zurückgeworfen, wir haben daher —
wie gleichfalls schon erwähnt — seitens dieser Welle keine oder nur eine sehr
schwache Strömung zu erwarten, welche — wenn sie vorhanden ist — an der
belgischen Küste NW—SO, an der niederländischen Küste etwa West— Ost
gerichtet sein mülste. Die Hauptströmung dagegen ist diejenige, welche von der
parallel der Küste fortschreitenden, aus dem Kanal kommenden. Welle herrührt
und die daher ebenfalls parallel der Küste laufen wird. Dals dies der Fall ist;
zeigen die nachfolgend angeführten Beobachtungen, .
— Zunächst betrachten wir die durch M, Petit, Ingenieur en chef du service
de l’hydrographie (Belgien), sehr ausführlich und sorgfältig bearbeiteten Strömungs-
beobachtungen beim Feuerschiff „West Hinder“. Hier wechselt der Strom,
welcher während des weitaus größten Theiles der Gezeit (Fluthstrom 4* 30” und
Ebbestrom 4* 45") nach NO und Ost bezw SW und West setzt, in der Ueber-
gangszeit vom Fluth- zum Ebbestrom und umgekehrt im Sinne NO, Nord, West,
Süd, Ost, also entgegengesetzt; der Bewegung des Uhrzeigers, wie es für eine
an der rechten Seite der Fortpflanzungsrichtung der Welle gelegene Beob-
achtungsstation der Fall sein muls, Die Geschwindigkeit der Strömung nimmt
dabei fast bis Null ab (10m pro Minute .oder 0,32 Sm pro Stunde bei den
Stromrichtungen NNW und SO).
Ferner entnehmen wir der Abhandlung: „De Stroomen op de nederlandsche
Kust“, dafs ganz ähnliche Verhältnisse — wie bel. West-Hinder — auch auf
Ann. d. Hydr. etc... 1898, Hoft XL #