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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 26 (1898)

472 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1898. 
180° festgestellt haben. Da ferner der Fluthwechsel in Yarmouth demjenigen 
bei Texel nahe gleich ist und nach unserer Auffassung an der holländischen 
Küste die Kanalwelle, an der englischen Küste die Nordseewelle die höhere ist, 
so darf angenommen werden, dafs der Punkt, wo beide Wellen einander gleich 
sind, mitten zwischen beiden Küsten liegt. . 
Wir sehen somit, dafs alle Erscheinungen, welche wir eingangs aus den 
Beobachtungen abgeleitet hatten, sich als einfache Folgen von lokalen Ver- 
hältnissen und des Umstandes, daß zwei Wellen sich kreuzen, darstellen lassen. 
Man könnte sogar den Nachweis noch weiter führen und auch manche von 
den beobachteten Erscheinungen, wie z. B. die Stromgeschwindigkeiten, die 
Geschwindigkeit des Fortschreitens der Hochwasserzeiten in verschiedenen Theilen 
des Gebietes und Anderes ziffernmäfsig übereinstimmend mit den Beobachtungen 
ableiten, jedoch würde dies hier zu weit führen, weil es nicht ohne mathematische 
Formeln geschehen könnte und eine weiter gehende Begründung der Höhen- und 
anderen Verhältnisse der beiden Wellen erfordern würde. 
Zum Schluß sollen nur noch die im Westen an der Südküste Englands 
und der Nordküste Frankreichs vorkommenden rotatorischen Strömungen erwähnt 
werden, für welche schon Airy die Erklärung gegeben hat („Tides and waves“, 
Art. 359 ff.). Diese Strömungen, welche übrigens keineswegs auf die genannten 
Gebiete beschränkt sind, sondern auch in der Nordsee beobachtet worden sind 
(z. B. von Kapt, Dinklage bei Borkum und von S. M. Knbt. „Drache“ bei 
Sylt), bestehen darin, daß der Strom im Laufe der Gezeit nach und nach aus 
allen Kompafsrichtungen kommt, wobei der Drehungssinn in einer bestimmten 
Beziehung zu der Fortpflanzungsrichtung der Welle steht. Wenn man nämlich 
in die Richtung sieht, wohin die Welle sich fortpflanuzt, so erfolgt die Drehung 
an der linken Seite im Sinne des Uhrzeigers, an der rechten im entgegen- 
gesetzten. Die von Airy gegebene Erklärung wird dieser Erscheinung so voll- 
kommen gerecht, dafs wir nichts Besseres thun können als dieselbe wörtlich hier 
zu reproduciren. 
Zunächst macht Airy darauf aufmerksam, dals in einem Kanale, der in 
der Mitte tiefer ist wie an den Seiten, der Scheitel der Welle sich nicht in 
einer geraden Linie quer über den Kanal erstrecken könne, sondern daß der- 
selbe eine gekrümmte Gestalt annehmen müsse. Der Grund hiervon liegt darin, 
dafs die Geschwindigkeit, mit welcher sich die Welle fortpflanzt, der Quadrat- 
wurzel aus der Tiefe des Wassers direkt proportional ist, die Welle wird sich 
daher an den flacheren Seiten mit geringerer Geschwindigkeit bewegen als in 
der tieferen Mitte, in der Mitte wird der Kamm der Welle also voreilen, an 
den Seiten des Kanals aber zurückbleiben und eine gekrümmte Gestalt annehmen, 
welche an der Küste dieser nahe parallel sein wird. Einmal diese Form erreicht, 
pflanzt sich der Kamm der Welle olıne wesentliche Aenderung so fort, und da 
das Fortschreiten der Welle an jedem Punkte in der Richtung der Normalen 
der Kurve an jenem Punkte geschieht, so wird die Welle an den Seiten des 
Kanals sich nahe senkrecht auf die Küste, in der Mitte aber parallel mit der 
Axe des Kanals bewegen. Die Wassertheilchen bewegen sich in derselben 
Richtung, wohin die Welle fortschreitet, das Wasser wird daher in der Nähe 
der Küste auf diese zu und von ihr weg, in der Mitte des Kanals aber kanal- 
aufwärts und -abwärts, parallel mit der Axe des Kanals strömen. Weiter 
folgert Airy: 
„Für den Theil der Welle, welcher sich in der Nähe der Küste befindet, 
das Wasser also senkrecht gegen diese hinströmt, wirkt dieselbe als Barriere 
und bewirkt, dafs die gröfste horizontale Verschiebung der Wassertheilchen (oder 
der Stromwechsel) mit Hochwasser zusammenfällt. 
In der Mitte des Kanals wird das Wasser am schnellsten aufwärts 
strömen, wenn es seinen höchsten Stand erreicht hat, und diese Bewegung hört 
auf, wenn es sein mittleres Niveau passirt (d. h. der Stromwechsel findet statt 
3 Stunden nach Hochwasser). 
Für eine Station zwischen der Küste und der Kanalmitte, wo sich die 
Wirkung dieser beiden Bewegungen kombinirt, wird sich die Sache folgender- 
mafsen gestalten: 
Bei Hochwasser fliefst das Wasser kanalaufwärts, aber nicht nach oder 
von der Küste.
	        
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