468 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1898.
angeführt sei, daß eine Welle, deren Länge sehr viel gröfser ist als die Wasser-
tiefe, was für die Fluthwelle zutrifft, auf einer Tiefe von 4500 m nur 8 Sekunden
gebraucht, um 1 Sm weiter zu rücken, während sie dazu auf einer Tiefe von
200 m 41,9 Sekunden, also mehr als die fünffache Zeit benöthigt. Der Kamm
der Welle bildet also eine nach Norden konvexe Kurve, welche in der Breite
von 49° auf das unterseeische Plateau trifft, auf welchem sich die Britischen
Inseln und das europäische Festland aufbauen, während ein Theil des Wellen-
kammes sich in der Richtung von NW nach SO in die Bai von Biscaya aus-
breitet. Indem die Welle nach Norden weitereilt, wird ihr östlicher Rand durch
das genannte Plateau zurückgehalten und ihre Fortpflanzungsrichtung aus Nord
in etwa ONO umgewandelt, mit welcher sie in den Kanal eintritt.) Da die
Welle auf ihrem Wege nach Osten sowohl abnehmende Wassertiefe als auch ab-
nehmende Breite ihres Bettes vorfindet, so mufs dieselbe, nachdem sie schon
beim Uebertritt aus dem tiefen Wasser des Ozeans in das flachere Wasser des
Plateaus eine erhebliche Erhöhung erfahren hat, auf ihrem weiteren Wege noch
mehr in Höhe gesteigert werden. Um sich hiervon ein Bild zu machen, sei er-
wähnt, daß nach den theoretischen Untersuchungen Airys die Höhe der Welle
an zwei Stellen eines Kanals von verschiedener Tiefe und Breite sich umgekehrt
wie die vierte Wurzel aus den Tiefen und umgekehrt wie die Quadratwurzel aus den
Breiten verhält. Ist also die Wassertiefe an einer Stelle des Weges der Welle
l/,6 derjenigen an einer anderen Stelle, so ist die Höhe an der ersteren das
Doppelte von derjenigen an der zweiten Stelle. Ist an der ersten Stelle die
Breite des Kanals nur !/4 derjenigen an der zweiten, so ist ebenfalls die Höhe
der Welle an jener Stelle das Doppelte von der an der letzteren, und wenn
beide Ursachen zusammenwirken, so wird die Höhe der Welle sogar vervierfacht.
Infolge der Reibung werden diese Verhältnisse etwas modificirt in dem Sinne,
dafs nicht ganz so grofse Unterschiede zu Stande kommen. Auf jeden Fall ist
hieraus ersichtlich, dafs die Welle auf ihrem Wege aus dem Ozean bis zur Strafe
von Dover erheblich wachsen mufßs und‘ diese Strafse mit beträchtlicher Höhe
erreicht. Wenn die Welle diese Strafse passirt, so tritt sie in ein weites Becken,
in welchem sie sich fächerförmig ausbreitet. Hier tritt zweierlei ein: 1. wird die
Höhe der Welle infolge der nunmehr wieder wachsenden Breite des Kanals all-
gemein wieder abnehmen, 2. wird die Welle, wie oben unter 8 gesagt wurde, in
der Mitte ihres Weges mit verhältnifsmäfßsig wenig verminderter Höhe”) fort-
schreiten, nach den Seiten zu jedoch allmählich abnehmen, In diesem Falle kann
die Welle jedoch nur nach einer Seite hin, nach Norden, in Höhe abnehmen,
weil auf der anderen Seite die belgisch - holländische Küste eine seitliche Aus-
breitung verhindert. Zugleich mulfs die Richtung dieser Küste dahin wirken, die
Abnahme der Welle, welche wegen Erweiterung des Beckens eintreten sollte,
wieder aufzuheben, weil die Welle infolge der ihr innewohnenden Tendenz, sich nach
ONO fortzupflanzen bei der erzwungenen Richtungsänderung gegen diese Küste
gedrängt wird. Jenseits Texel wird die Höhe der Welle wegen der Reibung
and der Verbreiterung ihres Bettes mehr und mehr abnehmen, sie mufs aber noch
an der jütischen Küste ziemlich erheblich sein, weil sie dort die gleich zu be-
sprechende, von Norden kommende Welle aufhebt, so dafs dort kein oder nur
sehr geringer Fluthwechsel stattfindet. Noch sei bemerkt, dafs durch die Straße
von Dover nur ein Theil der Kanalwelle, wie die durch den Englischen Kanal
von West nach Ost laufende Welle genannt werden möge, in die Nordsee eintritt,
dafs ein anderer Theil an der Nord—Süd streichenden Küste des Departements
Pas de Calais zurückgeworfen wird; die Wirkung dieser reflektirten Welle werden
wir nachher kennen lernen.
Inzwischen ist die ozeanische Welle im Atlantischen Ozean rasch nach
Norden weitergeeilt, und nun zweigt sich im Norden von Schottland ein neuer
Theil der Welle ab, welcher durch die breite Strafe zwischen Norwegen und
1) Die Ausbreitung der Welle in den Irlschen Kanal und die dort auftretenden Gezeiten
erscheinungen bleiben hier aufser Betracht.
2) Die Welle kann natürlich nur das verlieren, was sie durch die Veränderung der Tiefe
und Breite innerhalb des Englischen Kanals gewonnen hat; sie mufs aber die Erhöhung, welche sie
durch den Vebertritt aus dem Ozean auf das mehrerwähnte unterseeische Plateau erfahren hat, bei-
behalten, wobei allerdings von der Wirkung der Reibung abgesehen wird, durch welche sie nach und
nach verkleinert wird.