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Full text: 26, 1898

Börgen: Ueber die Gezeitenerscheinungen, in dem Englischen Kanal. 
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Erscheinungen recht wohl übereinstimmen, dennoch bei anderen — und gerade 
den wichtigsten — 8o fundamentale Abweichungen stattfinden, dafs es unmöglich 
ist, die Annahme, der südliche Theil der Nordsee und der Englische Kanal 
bildeten einen an beiden Enden in ein gezeitenführendes Meer ausmündenden 
Kanal, aufrecht zu erhalten. Um nur das wichtigste Moment anzuführen, so 
verlangt die Theorie der Gezeiten in einem solchen Kanal, dafs überall Hoch- 
bezw. Niedrigwasser und Stromwechsel der Zeit nach nahe zusammenfallen 
müssen, während die Beobachtungen ergeben, dafs. in dem fraglichen Gebiete — 
wie aus dem im. Vorhergehenden Mitgetheilten hervorgeht — der Stromwechsel, 
mit Ausnahme des innersten Theiles des Englischen Kanals, wo besondere, später 
noch zu besprechende Verhältnisse obwalten, etwa 3 Stunden — oder eine 
Viertelperiode — den Extremphasen folgt. Wir müssen uns daher nach einer 
anderen Erklärung der beobachteten Erscheinungen umsehen, und es scheint, 
dafs die folgende Auffassung den wichtigsten, durch die Beobachtung ans Licht 
gebrachten Thatsachen Rechnung trägt. 
Wenn man. das Vorstehende mit dem vergleicht, was früher über die be- 
obachteten Thatsachen gesagt wurde, so wird man sofort erkennen, daf[s eine 
ganze Reihe von Erscheinungen ohne Weiteres ihre Erklärung in lokalen Ver- 
hältnissen findet. Hierher gehören das doppelte Hochwasser in den Häfen am 
Solent, das verlängerte Hochwasser in Havre, der Agger an der niederländischen 
Küste und der hohe Fluthwechsel in der. normannischen. Bucht; welche sich 
nach 3 als Folge von Hindernissen, die sich der Fortpflanzung der Welle ent- 
gegenstellen, erklären lassen bezw. dem Umstande entspringen, dafs die Welle 
in einen geschlossenen Kanal eindringt, dessen Länge nicht viel von einem 
Viertel der Wellenlänge abweicht.. In dem ersten Falle entstehen nämlich 
sekundäre Wellen, deren Periode !/2, !/s u. 8. w. der Periode der ursprünglichen 
Welle betragen und die, indem sie sich mit der letzteren vereinigen, die zur 
Beobachtung kommende Gestalt der Welle in der mannigfachsten Weise modi- 
ficiren können, je nach ihrer Gröfse und ihrem Phasenunterschied zur Haupt- 
welle. In dem zweiten Falle (Eindringen in einen geschlossenen Kanal) würde 
bei Abwesenheit von Reibung eine stehende Welle sich bilden, welche allen 
Orten in der ganzen Ausdehnung des Kanals zu gleicher Zeit Hochwasser 
bringen würde und die von aufsen nach innen zu an Höhe wächst und ganz im 
Innern des Kanals zu aufserordentlichen Dimensionen (theoretisch bis unendlich) 
anwachsen würde, wenn die Länge des Kanals einer Viertel-Wellenlänge gleich 
oder nahe kommt. Findet dagegen (was in der Natur ja der Fall ist) Reibung 
der Wassertheilchen unter sich und gegen die Begrenzung des Kanals statt, so 
wird dadurch dem Anwachsen der Welle im Innern des Kanals eine gewisse 
Grenze gesetzt, das Hochwasser findet nicht mehr überall ganz gleichzeitig, 
sondern im Innern etwas später als an der Mündung statt, und der Stromwechsel 
findet etwas später statt als Hoch- und Niedrigwasser. Wir haben schon bei 
Erwähnung der Strömungserscheinungen in der normannischen Bucht gesagt, dafs 
man dieselbe in einen nördlichen und einen südlichen Theil scheiden müsse. Den 
südlichen Theil können wir nun als einen im Inneren abgeschlossenen Kanal 
ansehen, und wenn man das, was die Beobachtungen ergeben, mit dem ver- 
gleicht, was die Theorie über die in einen solchen eindringenden Wellen lehrt; 
so wird man eine vollkommene Uebereinstimmung finden. Vergleicht man die 
angenommene Länge des Kanals, den wir bei Les Heaux beginnen lassen; mit 
der der Wassertiefe entsprechenden Wellenlänge, so finden wir, dafs erstere 
(120 km) nicht gar zu sehr von der einer mittleren Wassertiefe von 25 m ent- 
sprechenden Viertel - Wellenlänge (170 km) verschieden ist. Wir sind daher 
berechtigt, in dieser Gegend ungewöhnlich hohe Fluthen zu erwarten, welche 
noch durch die Trichtergestalt des südlichen Theiles der normannischen Bucht 
nicht unwesentlich verstärkt werden. 
Eine andere Gruppe von Erscheinungen findet ihre Erklärung in dem Um- 
stande, dafs innerhalb des in Frage stehenden Gebietes sich zwei Wellen kreuzen. 
Um dies zu zeigen, ist es nothwendig, den Verlauf der Wellen zu verfolgen. - 
Im Atlantischen Ozean ist die Fortpflanzungsrichtung der Fluthwelle von 
Süden nach Norden, wobei jedoch zu bemerken ist, dafs der Theil derselben, 
welcher sich in dem tiefen Wasser fortpflanzt, erheblich gegen denjenigen vor- 
eilt, welcher sich in dem flacheren Küstenwasser fortbewegt, wofür als Beispiel
	        
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