Börgen: Ueber die Gezeitenerscheinungen in dem Englischen Kanal. 465
4. Die Welle wird, der Theorie zufolge, in der soeben auseinandergesetzten
Weise beeinflufst: ; ;
a) durch. Verengung des Bettes, in welchem sie sich bewegt, also z. B.
wenn die Welle aus dem Ozean in einen Kanal tritt, dessen Ufer sich
mehr und mehr nähern („Tides and waves“, Art. 257),
durch Verflachung des Bettes in der Richtung, in welcher die Welle
fortschreitet („Tides and waves“, Art. 238 ff.), .
durch die Reibung des Wassers an den Wänden und dem Boden des
Kanals und der Wasserpartikel aneinander,
Die entgegengesetzten Ursachen werden auch die entgegengesetzten
Wirkungen haben, z. B. wird eine Erweiterung des Kanals die Wirkung einer
früheren Verengung wieder aufheben. . a
Eine bemerkenswerthe Illustration findet diese Behauptung durch die Ar-
gaben der „Tide tables“ betreffs der Strömungen über Hurds Deep. Es ist dies
eine räumlich wenig ausgedehnte (ca 40 Sm lange und 2'/a Sm breite) aber tiefe
Einsenkung des Meeresbodens nördlich von der Insel Alderney und nordwestlich
von Kap La Hague. Während überall aufßserhalb dieser Einsenkung Strömungen
von 2,6 bis 5 Sm, ja 4 Sm WNW von Kap La Hague, also dicht am Rande
von Hurds Deep, eine solche von 5 bis 7 Sm angegeben werden, beträgt die
Geschwindigkeit des Stromes über Hurds Deep selbst nur 2,15 bis 2,40 Sm.
Ferner ist hier der Stromwechsel ein wenig früher als Hoch- und Niedrigwasser
bei Dover, was darauf hindeutet, dafs die Eintrittszeit von Hoch- und Niedrig-
wasser am Ort gegen die Umgebung beschleunigt ist. Beides ist der plötzlichen
Vermehrung der Tiefe zuzuschreiben, welche einen Theil der durch die Boden-
beschaffenheit der Umgebung eingetretenen Beeinflussung der Welle wieder aufhebt.
5. Wenn sich zwei einfache Wellen unter einem beliebigen Winkel treffen,
so kreuzen sie sich, ohne sich gegenseitig zu stören, wenn man von der Reibung
absieht, durch welche die Wellen allmählich zum Erlöschen gebracht werden,
wenn nicht — wie bei der Fluthwelle — durch äußere Kräfte für die stete Er-
neuerung derselben gesorgt wird. Betrachten wir aber die Wirkung der Kreuzung
der Wellen an einem bestimmten Punkte, so sehen wir, dafs, je nach dem Phasen-
anterschied, mit welchem sie an diesem Punkte zusammentreffen, sich der Verlauf
der Gezeit abweichend von dem an anderen Punkten zeigt, wo der Phasenunter-
schied ein anderer ist. Treffen z. B. die beiden Wellen an einem Punkte mit
gleichen Phasen zusammen, so lagert sich die eine Welle auf die andere auf,
und die Höhe des Hochwassers über dem Mittelwasser ist gleich der Summe der
höchsten Erhebungen der beiden Wellen, und die Depression des Niedrigwassers
unter Mittelwasser ist gleich der Summe ihrer gröfsten Depressionen unter dem
mittleren Niveau. Trifft aber an einem anderen Orte das Hochwasser der einen
Welle mit dem Niedrigwasser der anderen zusammen, 80 ist die größte beob-
achtete Erhebung über und die gröfste Depression unter dem mittleren Niveau
gleich der Differenz der entsprechenden Phasen der einzelnen Wellen. Im ersten
Falle haben wir danach einen sehr grofsen, im zweiten einen sehr kleinen Fluth-
wechsel zu erwarten. Zwischen diesen beiden Extremen finden wir alle möglichen
Abstufungen. .
Eine ganz analoge Erscheinung tritt in den Strömungsgeschwindigkeiten
zu Tage. Es ergiebt sich nämlich, daß je nach dem Phasenunterschied, mit
welchem die Wellen an verschiedenen Orten zusammentreffen, die Stromgeschwin-
digkeit verschieden ist, und zwar ist sie am stärksten an Orten, wo der Phasen-
unterschied 180°, am schwächsten dort, wo derselbe 0° beträgt; es trifft also
stärkster Strom mit geringstem und schwächster Strom mit größtem Fluthwechsel
zusammen. : ;
Für unseren Zweck wichtiger noch ist aber ein zweites Ergebnifs der
theoretischen Untersuchung, nämlich folgendes: ;
; Wenn wir, ausgehend von dem Punkte, wo die beiden Wellen mit gleichen
Phasen zusammentreffen (also nach dem .Vorhergehenden von dem Punkte, wo
wir den größten Fluthwechsel finden), in der Fortpflanzungsrichtung der höheren
Welle oder, was dasselbe ist, in der Richtung des wachsenden Phasenunter-
schiedes fortschreiten, so wird an aufeinanderfolgenden Punkten das Zeitintervall
zwischen dem Stromwechsel und der diesem folgenden Extremphase (welches
im Ausgangspunkte selbst eine Viertelperiode beträgt) immer kleiner, bis in einer
Ann. d, Hydr. ete., 1898, Hoft XI,
ce)