Börgen: Ueber die Gezeitenerscheinungen .in dem Englischen Kanal. 463
:. Zunächst sollen indefs die Ergebnisse der theoretischen Untersuchungen, wie
sie zum Theil schon von Airy gegeben worden sind, zum Theil sich durch einfache
Erweiterungen von dessen Ableitungen ergeben, hier mitgetheilt werden. . Dies
kann an diesem Orte leider nur ohne mathematische Begründung geschehen;. es
mufs. deshalb bezüglich der ersteren auf das klassische Werk von Airy: „Tides
and waves“ verwiesen werden, während die Veröffentlichung der letzteren noch
vorbehalten bleibt. ;
Die hier zur Anwendung kommenden Sätze sind ‚folgende: .
1. Wasserwellen entstehen dadurch, dafs die Wassertheilchen sich in
Kreisen oder Ellipsen mit gleichförmiger Geschwindigkeit um ihre Ruhelage als
Mittelpunkt bewegen, und zugleich das mehr vorwärts gelegene Partikel sich
etwas später in Bewegung setzt wie das. vorhergehende.
Dadurch, dafs die aufeinander folgenden Wassertheile gleichzeitig iu den
verschiedensten Phasen ihrer oscillatorischen Bewegung sich befinden, erhält die
Oberfläche des Wassers die Gestalt, welche wir eine Welle nennen. Die eine
Hälfte der Welle ist höher wie das mittlere Niveau,. die andere ist ebensoviel
unter dieses herabgedrückt. .Den höchsten. und tiefsten Punkt erreicht die Welle
dort, wo die Wassertheilchen auf ihrer kreis- oder ellipsenförmigen Bahn die
gröfste vertikale Erhebung über oder Depression unter das mittlere Niveau erreicht
haben, was senkrecht über und ‘unter ihrer Ruhelage stattfindet. Indem nun
nach und nach die vorwärts gelegenen Theilchen in die höchste Lage rücken
und. die rückwärtigen davon herabsinken, rückt die Welle vorwärts. Dieses
Vorwärtsschreiten der Welle oder der Gestalt des Wasserspiegels darf nicht
verwechselt werden mit der Bewegung der Wassertheilchen selbst. Letztere
beschreiben: um ihre Ruhelage als Mittelpunkt Kreise oder Ellipsen, entfernen
sich also nie sehr weit von ihrer Ruhelage.!) Man nennt die Wellen kurz oder
lang, je nachdem die Entfernung von einem Scheitel zum nächsten klein oder
grofßs ist; im ‚ersten Falle ist die Bewegung der Wassertheile genau oder sehr
nahezu kreisförmig, im anderen geschieht sie in einer langgestreckten Ellipse,
deren grofse Axe horizontal ist, und deren kleine Axe gleich dem Unterschied
zwischen dem höchsten und niedrigsten Punkt der Welle ist, welchen man bei
den Fluthwellen die „Gröfse des Fluthwechsels“ oder mit Lentz die „Fluth-
größe“ nennt. Die Zeit, welche die Wassertheilchen gebrauchen, um ihre Bahn
einmal zurückzulegen, nennt man die Periode der Welle, sie ist offenbar gleich
der Zeit von einem Hochwasser zum nächsten. Ferner ist die Länge der Welle
der lineare Abstand eines Hochwassers von dem nächsten. Bei sehr langen
Wellen hängt die Länge derselben sowohl wie die Geschwindigkeit, mit welcher
die Welle sich vorwärts bewegt, wesentlich nur von der Tiefe des Wassers ab.
2. Die kreisförmige oder elliptische Bewegung der Wassertheilchen wird
mit. gleichförmiger Geschwindigkeit vollzogen. Denken wir uns diese gleich-
förmige Geschwindigkeit im Kreise in eine geradlinige horizontale und eine
ebensolche vertikale Bewegung zerlegt, deren Resultante also die Kreisbewegung
ist,; so werden die Komponenten alle Werthe von Null bis zu der vollen Ge-
schwindigkeit im Kreise haben, und zwar sieht man leicht, dafs die gröfste Ge-
schwindigkeit in horizontaler Richtung dort stattfinden mul, wo die Bewegung
in vertikaler Richtung gleich Null ist, d. h. auf dem Gipfel und im Thale der
Welle, wo das Wassertheilchen sich parallel zur Ebene des Horizontes bewegt,
im ersteren Falle vorwärts, im letzteren rückwärts gerichtet, oder, wie wir es
bei den Fluthwellen ausdrücken würden, die gröfste Geschwindigkeit in horizon-
taler Richtung, d. h. der stärkste Strom, findet statt im Augenblicke des Hoch-
und Niedrigwassers. Dagegen hat die vertikale Bewegung ihr Maximum, wenn
die horizontale gleich Null ist. Dies. tritt ein, sobald die Bewegung des Wasser-
theilchens senkrecht auf der Ebene des Horizontes ist, oder wenn das Wasser-
theilchen das mittlere Niveau passirt. In diesem. Augenblicke hat das Partikel
auch seine gröfste horizontale Entfernung von.der Ruhelage erreicht und beginnt
von nun an, sich in der seiner vorherigen Bewegung entgegengesetzten Richtung
zu bewegen, d. h. im Falle der. Fluthwellen: es ist Stromwechsel in dem Augen-
1) Bei einer Fluthwelle von 1,3 m Höhe ist die große Axe der elliptischen Bahn eines
einzelnen Wassertheilchens ‚auf einer Tiefe: von 5000 m nur 400m lang, während die‘ Länge der
Welle nahezu 10000060 m beträgt,