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Full text: 26, 1898

Haltermann:; Ueber die südöstlich yon den Azoren auftretenden Tiefdruckgebiete, 455 
unterworfen sind, zu kennen, allein durch die praktische, durch mündliche Ueber- 
lieferung von Einem zum Anderen fortgepflanzte Erfahrung belehrt, verführen 
übrigens die in früherer Zeit in der New Orleans- und Westindienfahrt beschäftigten 
Bremer Kapitäne schon in dieser hier erwähnten Weise.‘ Auch bei ihnen hiefßs 
es schon: „Im Herbst und Winter richte man bei Ostwind den Kurs vom Kanal 
recht auf die Azoren. Im Sommer kann man dagegen von Lizard direkt nach 
Finisterre und von dort.in der Nähe der portugiesischen Küste südwärts segeln“. 
Sehr schwierig sind die Verhältnisse bei einem östlich von den Azoren 
liegenden Tiefdruckgebiete für die aus dem Mittelmeere gekommenen, . westwärts 
oder südwestwärts bestimmten Schiffe, Ihnen bleibt wohl kaum etwas Anderes 
übrig, als gegen die angetroffenen westlichen und südwestlichen Winde sich nach 
Süden hin zu arbeiten, in der Hoffnung, dafs die Wetterlage sich bald verändern 
möge. Könnte der Kapitän eines solchen Schiffes mit Wahrscheinlichkeit auf 
ihre lange Dauer rechnen, so möchte die Einhaltung eines nordwestlichen Kurses, 
der das Schiff in die nördliche Hälfte des Tiefdruckgebietes führen würde, 
vielleicht rathsam sein. Aber ein solches Unternehmen, einen Umweg zu machen, 
um günstige Winde aufzusuchen, erscheint in diesem Falle zu unsicher, um es 
empfehlen zu können. Am ersten könnte dies noch ein nach Nordamerika be- 
stimmtes Schiff versuchen, weniger ein auf die Passatroute angewiesenes, dessen 
Reiseziel Westindien ist. Für die später zu erwähnenden beiden Mitsegler 
„August“ und „Baltimore“, welche volle drei Wochen gebrauchten, um von der 
Straße von Gibraltar nach 30° N-Br zu gelangen, wäre freilich ein solch nörd- 
licher Kurs wahrscheinlich vortheilhafter gewesen. Die würden schon in 39° 
oder 40° N-Br ‚frischen Ostwind angetroffen haben, bei dem sie eine Weite 
Strecke nach Westen hätten zurückgelegt in derselben Zeit, welche sie jetzt 
gebrauchten, um nur 30° N-Br zu erreichen, 
Ein ganz besonderes Interesse bietet schlielslich die Betrachtung des Ein- 
flusses, welchen eine Depression dieser Art auf den Verlauf der Reisen jener 
Schiffe ausübt, die vom Aequator zum Kanal segeln. Während der nicht 
theoretisch gebildete Schiffsführer in zweifelhaften Fällen, wenn er‘ nur stets 
jede sich ihm bietende Gelegenheit bis zum Aeufsersten ausnutzt, unbewufst 
meistens so verfährt, wie es der Theorie entspricht, wird er in diesem Falle 
leicht fehlerhaft handeln. Ganz allgemein: ist es bisher für richtig gehalten 
worden, dafs das den Durchstecher durch den Passat machende Schiff vor Allem 
danach zu streben hat, so rasch wie möglich nördlich von 35° oder 40° N-Br 
zu gelangen. Diese Regel behält für den Sommer auch nach wie vor ihre volle 
Gültigkeit. Für den Spätherbst und Winter aber, in den Fällen, wenn im 
mittleren Theile des Nordatlantischen Ozeans kein Hochdruckgebiet vorhanden 
ist, und westliche Winde, verursacht durch eine nördlich von Madeira auftretende 
Depression, sich im östlichen Theile des Nordatlantischen Ozeans nicht selten 
bis nach 20° N-Br und weiter südwärts ausdehnen, erscheint sie nicht so un- 
anfechtbar. Trifft vielmehr ein im Winter von der Linie zum Kanal bestimmtes 
Schiff eine derartige Wetterlage und findet schon zwischen 20°-—25° N-Br frische 
Westwinde, so drängt sich dem Führer bei Betrachtung dieser Verhältnisse die 
Frage von selbst auf, ob es nicht gerathener sein würde, den Kurs anstatt nach 
Norden, direkt auf die Kanaren zu setzen.!) Durch ein solches Verfahren würde 
der Kapitän allen Grund haben, zu hoffen, dafs das Schiff in ähnlicher Weise 
wie die vom Kanal südwärts bestimmten Schiffe die Depression nördlich vom 
Minimum nach westlicher Richtung hin umsegeln, dies in der Südhälfte des Tief- 
druckgebietes werde auf östlichem Kurse thun können. Der Erfolg ist hierbei 
freilich kein gewisser. Denn ob die Wetterlage lange genug anhalten wird, um 
den erhofften Nutzen aus einem solchen Verfahren zu ziehen, läfst sich - nicht 
vorhersagen. Es ist sogar nicht unmöglich, dafs sich daraus einmal anstatt einer 
Verkürzung, eine Verlängerung der Reise, ergiebt. Der Verlauf des letzten 
Reiseabschnittes der beiden später angeführten Mitsegler „Selene“ und „D. H, 
Wätjen“, obgleich nicht ganz passend als Beispiel für dies hier erwähnte Ver- 
fahren, zeigt eine solche. Aber jedenfalls macht das Schiff auf dem nordöstlichen 
1) Nachdem diese kleine Arbeit, deren Veröffentlichung sich durch unvorherzusehende Ver- 
hältnisse sehr-lange verzögert hat, geschrieben worden war, ist in der amerikanischen Wetterkarte 
des Nordatlantischen Ozeans für den Januar 1898 den von der Linie zum Kanal bestimmten Schiffen 
unter den vorerwähnten Verhältnissen ein ganz ähnliches Verfahren angerathen worden,
	        
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