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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 26 (1898)

Börgen: Ueber die Gezeitenerscheinungen in dem Englischen Kanal, 421 
Endlich seien noch zwei beobachtete Thatsachen hervorgehoben, Die eine 
besteht darin, daß es vor .der Themse-Mündung ein ziemlich eng begrenztes 
Gebiet giebt, wo der, allerdings schwache, Strom im Laufe der Gezeit allmählich, 
ohne in Stärke erheblich zu variiven, aus allen Richtungen des Kompasses kommt. 
Diese Stelle befindet sich 5 Sm mw. Nord von North Foreland und wird in den 
Strömungstabellen der Gezeitentafeln besonders hervorgehoben. Die Strom- 
geschwindigkeit schwankt bei den verschiedenen Richtungen zwischen 1’/4 und 
1% Knoten und beträgt meistens 1!/a Knoten, Die andere Thatsache ist die, 
dafs Kapt. Hewett, als er sein Schiff an einem Punkte mitten zwischen der 
englischen und holländischen Küste, etwas südlich von der Linie Texel — Yar- 
mouth, auf 52° 27,5 N-Br und 3° 14,5‘ O-Lg. v. Gr. verankert hatte, zwar einen 
kräftigen Strom, abwechselnd aus SW und NO, dagegen keinerlei Fluthwechsel 
beobachtete. 
Um die Betrachtung der Strömungserscheinungen zum Abschluß zu bringen, 
erübrigt es noch, ein paar Worte über die Strömungen in der normannischen 
Bucht zu sagen, welche wir oben von der vorhergehenden Erörterung aus- 
geschlossen haben. Wenn man die Strömungen betrachtet, So sieht man, daß 
man diese Bucht in zwei Theile zerlegen mufs, nämlich einen nördlichen, welcher 
sich bezüglich der Stromverhältnisse im Allgemeinen an die im Kanal statt- 
findenden anschliefst, und einen südlichen, in welchem besondere Verhältnisse 
herrschen. Zu demselben Resultat gelangt man auch durch die Betrachtung der 
Größe des Fluthwechsels in diesem Gebiete; während nämlich im südlichen 
Theile aufßserordentlich grofse Fluthwechsel beobachtet werden, St. Malo 10,7, 
Caucale 11,5 m (siehe die eingangs mitgetheilte Tabelle No. 6 bis 18), finden im 
nördlichen Theile im Vergleich hierzu nicht nur keine so besonders hohe Tluth- 
wechsel statt, sondern auch niedrigere als östlich und westlich davon, z. B. 
Casquets 5,3, Alderney 5,3, Omonville 5,4 m (No. 20 bis 22). Die Scheide beider 
Abtheilungen wird gebildet durch die Inseln Guernsey, Serk und Jersey in Ver- 
bindung mit den Riffgruppen und kleinen Inseln Les Minquiers und Ile Chausey. 
Da diese Scheide keine zusammenhängende ist, so ist es natürlich, dafs an der 
Grenze beider Theile Uebergänge stattfinden, welche vor Allem bewirken, dafs 
die sonst im nördlichen Theile sich den allgemeinen Kanalströmungen anschliefsen- 
den Strömungen um Kap La Hague und Alderney herum in die normannische 
Bucht hinein und aus derselben heraus setzen. 
Wir konstatiren nun zunächst nach den Seemannschen Karten, dafs im 
nördlichen Theile der Stromwechsel ca 1* vor Hoch- oder Niedrigwasser bei 
Dover, d. h. am Tage von Neu- oder Vollmond, um 10" oder um 4/4" stattfindet, 
und da am Orte Hochwasser etwa um 6! bis 6%", Niedrigwasser also um 
0%4h bis 1% eintritt, so findet der Stromwechsel um 3*/4 Stunden oder nahe eine 
Viertelperiode später statt als die Extremphasen. Dies ist in Uebereinstimmung 
mit dem, was in dieser Gegend des Kanals überhaupt stattfindet. In dem süd- 
lichen Theile dagegen findet der Stromwechsel 4 Stunden vor und 2 Stunden 
nach Hochwasser bei Dover, cder am Tage von Neu- oder Vollmond um 7* und 
um 1* statt, und da am Orte zwischen 51/2 und 6* Hochwasser, also zwischen 
11%? und 0!/4* Niedrigwasser ist, so folgt der Stromwechsel den Extremphasen 
im Mittel um etwa 1 Stunde. 
Was die Stärke der Strömungen anbelangt, so ist diese im nördlichen 
Theile zum Theil sehr erheblich, da Geschwindigkeiten von 4 bis 6 Knoten an- 
gegeben werden. Diese Strömungen können, da sie überdies, wie erwähnt, die 
Tendenz haben, in die normannische Bucht hineinzusetzen, unter Umständen für 
Schiffe, welche der französischen Küste nahe stehen, sehr gefährlich werden, da 
eine starke Versetzung nach Land und auf gefährliche Riffe in der Nähe der 
normannischen Inseln stattfindet. Im südlichen Theile der Bucht setzt der Strom 
ziemlich regelmäfsig aus und ein mit einer Maximalgeschwindigkeit von etwa 
4 Knoten bei Springfluth., (Fortsetzung folgt.)
	        
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