Börgen: Ueber die Gezeitenerscheinungen indem Englischen Kanal,
NW laufenden vereinigen bezw. ein aus NW kommender Strom sich in zwei
Zweige (nach Ost und SW laufend) trennt.
Man erhält nun folgende Uebersicht über die Lage dieser Linien für jede
Stunde nach Hochwasser bei Dover:
Tabelle II.
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Atlantische
Kanal-
Nordsee-
Stromscheide
ih nach Hochwasser bei Dover
jh
ZE
Ih
{sh
2h
MS
— Niedrigwasser bei Dover
Lizard -— Morlaix
Falmouth — Eingang
der normannischen
Bucht
Start Point— Casquets
Lyme Regis—Kap La
Hague
Ausgedehntes Gebiet
ohne Strom süd-
lich von der Insel
Wicght
Hastings — Fecamp
— Dieppe
Hastings — Treport
Hastings — Mündung
der Somme
Rye - Bay — Baic
d’Authie
Margate —Gravelines
Themse-Mündung
Nieuport
Von Flamborough Head
nach NO
Von "Ihe Wash nach
NO
Von The Wash nach
Nord
Von Wells - Cromer
nach NO
Stromloses Gebiet nörd-
lich von 52° 30'
Zwischen Niedrigwasser und Hochwasser wiederholt sich die vorstehend
gekennzeichnete Verschiebung der Stromscheidelinien in genau derselben Weise:
1» nach Niedrigwasser bei Dover liegen wieder die atlantische und die Nordsee-
Stromscheide aufserhalb des Bereiches der Karte und die Kanal- Scheide bei
Hastings— Fecamp, es findet demnach scheinbar gleich nach Niedrigwasser (und
ebenso nach Hochwasser) bei Dover eine plötzliche Versetzung dieser Linien von
Osten nach Westen bezw. nach Norden statt. So ist die Sache indessen nicht
aufzufassen. In Wirklichkeit hat die atlantische Stromscheide, welche sich bei
Wight zu einem ausgedehnten stromlosen Gebiet erweitert hatte, ihren Weg nach
Osten fortgesetzt und liegt eine Stunde nach Hoch- und Niedrigwasser auf der
Linie Hastings — Fecamp, wobei sich das stromlose Gebiet wesentlich verengert
hat, und geht nun in der oben angegebenen Weise langsam weiter nach Osten.
Gleich nach Hoch- bezw. Niedrigwasser bei Dover ist auch in der Nordsee der
Strom herumgegangen und hat dieselbe Richtung angenommen, welche schon
vorher in der Straße von Dover herrschte, mit welchem Strom er sich vereinigt,
dadurch die Kanal-Scheidelinie: Themse-Mündung — Nieuport zum Verschwinden
bringend. Gleiches gilt für die Nordsee - Scheidelinie, welche sich bei Niedrig-
wasser (und bei Hochwasser) zu dem stromlosen Gebiet nördlich von 52° 30' er-
weitert hatte und verschwindet, sobald der Strom in der Nordsee herumgegangen
ist und sich mit dem in der Strafßse von Dover herrschenden vereinigt hat. Zwei
Stunden nach Hoch- und Niedrigwasser bei Dover treten im Westen und im
Norden neue Stromscheidelinien in den Bereich der Karte, die nun ebenso wie
vorher langsam nach Osten und Süden vorrücken.
Während des Steigens des Wassers bei Dover scheidet die atlantische
Stromscheidelinie östlichen Strom (im Westen derselben) vom westlichen, die
Kanal - Scheidelinie westlichen Strom vom östlichen bis nordöstlichen und die
Nordsee-Scheidelinie nordwestlichen vom südöstlichen Strom. Während des Fallens
des Wassers bei Dover findet das Umgekehrte statt. Auf den Stromscheidelinien
selbst ist natürlich Stromstille, und‘ wir können daher, wenigstens angenähert,
bestimmen, wie lange Zeit vor dem Ortshochwasser oder Niedrigwasser der Strom-
wechsel stattfindet, wenn wir die Tageszeit dieser Phase, welche sich für den
Tag von Neu- oder Vollmond aus der bekannten Hafenzeit von Dover und der
Anzahl Stunden vor oder nach dortigem Hochwasser ergiebt, mit der Hoch- oder
Niedrigwasserzeit am Orte vergleichen, welche für den Tag von Neu- oder Voll-
mond aus der Karte der gleichen Fluthstundenlinien (der Cotidal lines) entnommen
werden kann.