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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 26 (1898)

D. 
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1898 
Ein zweiter Punkt, welcher noch erwähnt werden mufs, betrifft die 
Beziehung zwischen der Zeit des Hochwassers und der Zeit des Stromwechsels 
oder des Stillwassers, Dies ist eine sehr wichtige Beziehung, und es scheint, als 
ob darüber noch vielfach recht falsche und unklare Vorstellungen verbreitet 
sind. Es wird nachher noch näher darauf einzugehen sein, deshalb sei hier nur 
hervorgehoben, dafs überall da, wo man es mit einer einfachen Welle zu thun 
hat und der Fortpflanzung derselben keine Hindernisse sich entgegensetzen, der 
Stromwechsel drei Stunden (genauer 3® 6”, d. h. eine Viertelperiode) vor und 
nach Hochwasser oder, wenn man lieber will, drei Stunden vor Hoch- bezw. 
Niedrigwasser eintritt, so dafs der Uebergang des Ebbestromes in Fluthstrom 
drei Stunden vor Hochwasser, der Uebergaug des Fluthstromes in den Ebbestrom 
drei Stunden vor Niedrigwasser sich vollzieht und dafs der Strom zur Zeit der 
Extremphasen seine gröfste Geschwindigkeit hat. Jede Behinderung der Fort- 
pflanzung der Welle (ansteigender Meeresboden u. A.) vergrößert den Zeit- 
anterschied zwischen Hoch- oder Niedrigwasser und dem vorhergehenden Strom- 
wechsel bis zum Zusammenfall mit diesen Phasen, wenn die Welle auf eine feste 
Schranke stöfst. Kreuzen sich aber zwei Wellen, so kann der Zeitunterschied 
irgend welchen Werth haben, 
An der Hand der Seemannschen Karten können wir nun folgendes all- 
gemeine Bild der Strömungen im Kanal und in der südlichen Nordsee aufstellen, 
wobei wir jedoch zunächst die normannische Bucht, die besondere Erscheinungen 
darbietet, ausschliefsen. 
Zur Zeit von Hoch- und Niedrigwasser bei Dover liegt ein stromloses 
Gebiet südlich von der Insel Wight zwischen etwa 0° 30‘ und 2° 15' W-Lg von 
Greenwich, welches im Norden sowohl wie im Süden bis auf etwa 5 Sm an die 
Küste heranreicht. Kin ebensolches, noch ausgedehnteres Gebiet schwacher und 
im Kentern begriffener Strömung liegt gleichzeitig in der südlichen Nordsee 
zwischen etwa 52° 15’ und 54° N-Br, welches sich bis nahe an die englische und 
niederländische Küste erstreckt. Von der Ostgrenze des stromlosen Gebietes 
bei der Insel Wight bis zur Themse-Mündung herrscht bei Hochwasser zu Dover 
Ostnordost- bezw. Nordoststrom, der im Pas de Calais bis zu 3,5 Knoten erreicht, 
bei Dover-Niedrigwasser ebensolche westliche Strömung. Vor der Themse-Mündung 
bis etwa nach Ostende hinüber liegt ein Streifen, in welchem die Strömung auf- 
gehört hat, und jenseits desselben, d. h. nördlich von dieser Linie, herrscht 
schwache südwestliche (bei Hochwasser zu Dover) bezw. nordöstliche (bei Niedrig- 
wasser) Strömung, welche weiter im Norden in das schon erwähnte ausgedehnte 
stromlose Gebiet übergeht. Westlich von dem stromlosen Gebiet bei Wight 
herrscht westsüdwestlicher bezw. ostnordöstlicher Strom. 
Eine Stunde nach Hochwasser bei Dover ist im Kanal bis zu einer Linie, 
die sich von Hastings bis Dieppe oder Treport ziehen läfst, bereits ziemlich 
kräftiger ausgehender, d. h, westsüdwestlicher, Strom eingetreten, während auf 
der anderen Seite dieser Linie (der Stromscheide) starker nordöstlicher Strom 
herrscht, welcher etwa bei Yınuilden anfängt, in nordwestliche Richtung um- 
zubiegen, und sich mit der aus der Deutschen Bucht der Nordsee kommenden 
Strömung vereinigt. Nördlich von Flamborough Head findet Südoststrom statt. 
Diese Verhältnisse bleiben im Wesentlichen bestehen, bis bei Dover 
Niedrigwasser eintritt; wir bemerken jedoch, dafs die Stromscheidelinien all- 
mählich von Westen nach Osten bezw. von Norden nach Süden rücken, und es 
ist nothwendig, ihre Lage genauer zu kennzeichen, weil sich daran wichtige und 
interessante Erörterungen knüpfen lassen, die für die wissenschaftliche Erklärung 
der. Erscheinungen von wesentlicher Bedeutung sind. Es treten im Allgemeinen 
drei Stromscheidelinien auf, welche wir als die atlantische, die Kanal- und die 
Nordsee - Stromscheide unterscheiden wollen, und zwar bezeichnen wir als 
atlantische Stromscheide diejenige, welche westlich vom Meridian von Greenwich 
liegt, als Kanal-Scheide diejenige, welche östlich von dieser und südlich von 
51'/a° N-Br auftritt, während wir die Stromscheide nördlich und nordwestlich von 
53° N-Br als Nordsee-Stromscheide bezeichnen. Auf den Karten von Seemann 
ist in der Nordsee noch eine zweite Stromscheidelinie verzeichnet, welche von 
der holländischen Küste nach NW sich erstreckt. Diese kann indessen nicht als 
eigentliche Stromscheide aufgefaßst werden, weil sie nur die Gegend bezeichnet, 
wo von SW und Osten kommende Strömungen umbiegen und sich zu einer nach
	        
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