Börgen: Ueber die Gezeitenerscheinungen in dem Englischen Kanal. 417
Jichte. Diese Beobachtungen sind durch spätere Vermessungen bestätigt und
ergänzt worden, namentlich durch französische Arbeiten, welche in einem Karten-
werke von 12 Blättern!) unter Benutzung der Arbeiten von Beechey’ und
Anderen . niedergelegt sind. Ferner sind zu nennen: eine sehr gründliche
Diskussion der Strombeobachtungen auf dem Feuerschiff „West-Hinder“ durch
M. Petit, directeur du service de lhydrographie in Brüssel,*) sowie ähnliche
Untersuchungen für die Feuerschiffe „Nord-Hinder“, „Schouwen-Bank“, „Texel“
und „Terschelling“, welche von dem niederländischen meteorologischen Institut
zu Utrecht bearbeitet worden sind.) Tabellarische Uebersichten der Ergebnisse
dieser Beobachtungen finden sich in den englischen und deutschen Gezeitentafeln,
und kartographisch ist das Material durch den verstorbenen Assistenten der
Deutschen Seewarte in Hamburg, Kapt. Carl H. Seemann, verarbeitet worden. “*)
Auch finden sich stündliche Stromkarten für den Englischen Kanal in den
„Gezeitentafeln“.
An der Hand der Seemannschen Karten, welche das Material erschöpfend
und zuverlässig zur Darstellung bringen, wollen wir nun eine Darstellung der
Gezeitenströmungen geben, vorher sind jedoch noch ein paar Bemerkungen zu
machen. Nach dem Vorgange von Kapt. Beechey ist es üblich geworden, die
Strömungsverhältnisse auf den Stand der Gezeit (Hoch- bezw. Niedrigwasser) an
einem bestimmten Basisort, in unserem Falle Dover, zu beziehen. Dies ist für
alle praktischen Bedürfnisse bequem und hat in dem vorliegenden Falle auch eine
gewisse Berechtigung, es mufß aber dazu bemerkt werden, da[ls dieses Verfahren
vom wissenschaftlichen Standpunkte unrichtig und bedeutungslos ist. Wissenschaftlich
hat nur die Beziehung zwischen den Phasen der Strömung (Stromstille, stärkste
und schwächste Strömung) und dem Stande der Gezeit an einem und demselben
Orte Bedeutung; wir werden daher, wenn wir zu einer wissenschaftlich begründeten
Erklärung der Erscheinungen kommen wollen, genöthigt sein, die Zeit des Hoch-
bezw. Niedrigwassers an den in Frage. kommenden Punkten zu ermitteln. Dabei
tritt. nun die Schwierigkeit auf, dafß wir zwar ausgiebige Kenntnifs der Hoch-
und Niedrigwasserzeiten an den Küsten besitzen, dafs sie uns aber gänzlich fehlt
für die für uns wichtigsten Gebiete des freien Wassers. Hier sind wir auf mehr
oder minder begründete Vermuthungen angewiesen, welche darauf beruhen, dafs
man, ausgehend von der bekannten Hochwasserzeit an möglichst frei gelegenen
Küstenpunkten, unter Berücksichtigung der Thatsache, dafs jede Hinderung der
Fortpflanzung der Welle (Verringerung der Wassertiefe, Verengerung des Kanals,
in dem sie läuft u. A.) eine Verspätung der Hochwasserzeit zur Folge hat, die
Hochwasserzeiten im freien Meere abzuleiten sucht. Nach diesen Grundsätzen
hat man Karten gleicher Fluthstundenlinien entworfen, welche immerhin ein au-
näherndes Bild von der Fortpflanzung der Hochwasserzeit von Ort zu Ort zu
geben vermögen, wenn man auch beachten mufs, dafs dieselben nicht von einer
gewissen Willkür frei sind. Für das hier in Frage stehende Gebiet kann zur
Entnahme der Hafenzeiten (d. bh. der Hochwasserzeiten am Tage vor Neu- und
Vollmond) die Karte der Cotidal lines von Whevwell®) dienen, obwohl nach
Ansicht des Verfassers das Voreilen der Gezeitenwelle im tieferen Wasser,
namentlich am Eingange des Kanals, etwas übertrieben angenommen worden ist.
Auch. in dem Seemannschen Atlas sind auf jeder Karte die der Phase der
Gezeit bei Dover entsprechenden Linien gleicher Hochwasserzeit eingetragen,
jedoch, wie dem Verfasser scheinen will. nicht immer sehr glücklich.
1) „Cartes des courants de la Manche et de Ventree de la mer du Nord par M. H6douin
pilote major de la flotte“. Paris 1891.
2) „Etudes sur les courants de la mer du Nord“. Bruxelles 1891,
3) „De Stroomen op de nederlandsche Kust“. Utrecht 1890,
4) „Zwölf Stromkarten für jede Stunde der Tide bei Dover, umfassend das Gebiet der
südlichen Nordsee, des Englischen Kanals, des Bristol-Kanals und des südlichen Theiles vom Irischen
Kanal“, bearbeitet von Kapt. Carl H. Seemann. Hamburg 1897. Verlag von Carl Grieser,
5) „Philosophical transactions“ 1836. — Siehe auch Lentz: „Von der Fluth und Ebbe des
Meeres“. Hamburg 1873. Zu dieser letztgenannten Karte ist jedoch zu bemerken, dafs die darin
eingetragenen Linien die Linien gleicher mittlerer Hafenzeit sind, nicht solche gewöhnlicher Hafen-
zeit. Die Karte ist jedoch auch für diese letzteren brauchbar, wenn man beachtet, dafs die mittlere
Hafenzeit um etwa 30m kleiner ist als die gewöhnliche. Die für 3b eingezeichnete Linie gleicher
mittlerer Hafenzeit gilt daher für 3l/gb gewöhnliche Hafenzeit.
Ann. €. Hvdr. ete.. 1898, Heft X.