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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1898
zu dienen hatten, mit sich brachte — ein verhältnifsmälßig kleiner, konnte
begreiflicherweise für die Darstellung auf einer Wandkarte nicht genügen, und
es bestand demnach nach wie vor das Bedürfnifs, eine solche zu schaffen, damit
auch dadurch den Anforderungen nicht allein der Gelehrtenanstalten und Schulen,
sondern auch den praktischen Bedürfnissen der Seefahrt und des Komptoirs genügt
werden könne. Die Erwägung, dafs dank den umfassenden Arbeiten von Ver-
messungs- und Expeditionsschiffen sowie der großen Arbeitsleistung der Kautf-
fahrtei- und Kriegsmarine aller seefahrenden Staaten, zufolge welcher reiches
Material zur Berichtigung der Strömungskarten in allen Theilen der Meere in
den zwölf Jahren, welche seit der Herausgabe der oben genannten Karten ver-
Aossen sind, zusammengetragen wurde, liefßs bei der Direktion der Seewarte den
Gedanken reifen, eine Uebersichtskarte nach neuesten Anschauungen herzustellen.
Sie betraute mit dieser umfassenden Aufgabe den Hülfsarbeiter bei der Deutschen
Seewarte, Dr. Gerhard Schott, welcher durch eingehende Studien auf dem in
Rede stehenden Gebiete sich gründlich vorbereitet hatte. Es schien dafür
besonders als Grundlage einer solchen Karte geeignet die im Jahre 1893 vom
Reichs - Marine - Amt im gleichen Verlage herausgegebene Weltkarte zur
Uebersicht der Meerestiefen, da der Mafsstab genügend groß war und es gestattete,
in Einzelheiten der Meeresströmungen einzugehen. Das grofse praktische Interesse
der heutigen Dampfschiffahrt an den Stromversetzungen macht ein Uebersichts-
blatt derselben in hohem Mafse wünschenswerth, und zwar schien es der Stellung
der deutschen Nation angemessen, dafs auch eine deutsche Karte dieser Art dem
Seemanne in die Hand gegeben werde, nachdem auch wieder in jüngster Zeit
eine englische Karte zur Uebersicht der Meeresströmungen herausgegeben
worden ist. ?)
Ehe auf die Einzelheiten der vorliegenden Karte und die Darstellungsweise
eingegangen wird, soll hier zunächst etwas von dem Material, welches zur Grundlage
der Bearbeitung der Karte diente, gesagt werden. Darunter nehmen die gesammten
Berichte der deutschen Kriegsschiffe, wie sie in den „Annalen der Hydrographie
and Maritimen Meteorologie“ zur Veröffentlichung gelangten, eine hervorragende
Stelle ein. Es beziehen sich diese Berichte unter Anderem vornehmlich auf West-
afrika von Kamerun bis Kapstadt, auf die Küsten von Ostafrika, des äquatorialen
Indischen Ozeans und des Schutzgebietes von Neu - Guinea, Bismarck - Archipel,
Marschall - Inseln u. s. w. Die meteorologischen Schiffsjournale der Deutschen
Seewarte enthalten eine reiche Fundgrube an Stromversetzungen, allein es konnte
naturgemäfs hierbei nur eine Auswahl besonders wichtiger Journale in Frage
kommen, z. B. fanden an der Hand solchen ungedruckten Materials Untersuchungen
statt über die Wasserbewegungen westlich von Sumatra, bei den Nikobaren und
Andamanen, wozu die Journale der deutschen Segler nach und von den Reis-
häfen von besonderer Wichtigkeit waren. An der ostafrikanischen Küste lieferten
die Journale der Reichspostdampfer ein reiches Material.
Die Seewarte hatte gleich nach Aufnahme ihrer T'hätigkeit die Aussendung
and das Aufsammeln von Flaschenposten in ausgedehnter Weise eingerichtet,
so dafs nun nach 22 Jahren ein reiches Material über Meeresströmung aus dieser
Quelle zur Verfügung stand. Kine Diskussion dieser Gattung von Beobachtungen
lieferte für manche Gegenden des Meeres Anhaltspunkte für die Feststellung der
Meeresversetzung, wie sie von anders woher nicht zur Verfügung standen. Es
darf nicht unerwähnt bleiben, dafs im Laufe der Jahre eine Anzahl Specialunter-
suchungen über einzelne Meeresgebiete auf Grund dieses Materials im „Archiv
der Deutschen Seewarte“ in ihren Ergebnissen veröffentlicht worden sind, welche
zum Theil ein ganz neues Licht auf die Verschiebung der Wassermassen zu
werfen geeignet waren; wir erwähnen hier nur noch die interessante Arbeit von
Dr. Cäsar Puls über „Oberflächentemperaturen und Strömungsverhältnisse des
Aequatorialgürtels des Stillen Ozeans“ im XVII. Jahrgang des Sammelwerkes
„Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte 1895“, wie denn überhaupt in diesem
Werke zahlreiche, bei der vorliegenden Strömungskarte verwerthete Abhandlungen
enthalten sind. ®*)
) „Current Chart of the world“, Hydrog. Office, London 1898.
?) „Die Flaschenposten der Deutschen Seewarte.“ Auf Grund des bis Ende 1896 eingegangenen
Materials im Auftrage der Direktion bearbeitet von Dr. Gerhard Schott. „Aus dem Archiv der
Deutschen Seewarte“, XX. Jahrgang, 1897, No. 2.