Orkanartiger Sturm bei den Kap Verden am 4, und 5. Oktober 1896, 353
Orkanartiger Sturm bei den Kap Verden am 4, und 5. Oktober 1896.
Kapt. Fr. Hellriegel, Führer der Schonerbrigg „Trust“ aus Rostock,
hat der Seewarte einen Bericht zur Veröffentlichung übersandt, der ungefähr
folgendermafsen lautet:
Wir hatten am 1. September 1596 den Manchester-Schiffahrts- Kanal ver-
Jassen, um mit einer Ladung Steinkohlen nach Para in Brasilien zu segeln, Die
Reise wurde durch anhaltende südliche und westliche Winde, die meistens flau,
selten steif waren, verzögert. Der Passat war auch nur schwach, weshalb erst
am 4. Oktober mittags nach 33tägiger Fahrt 19° 53’/N-Br in 26°11‘ W-Lg er-
reicht werden konnte. Das Barometer (wahrscheinlich ein Aneroid, welches
mindestens 12 mm zu hoch zeigte) stand um diese Zeit 778,4 mm hoch; das
Wetter war vormittags heiter und schön. Um 2 Uhr nachmittags bezog sich
der Himmel jedoch schnell von Süd her mit einem Cirrusgewölk, und um 3 Uhr
fiel der erste Regenschauer. Der Wind lief gleichzeitig von Ost auf SSO und
nahm an Stärke zu; doch konnten zunächst noch alle Segel geführt werden. Um
4 Uhr nachmittags war der Barometerstand auf 772,6 mm gesunken; der ununter-
brochene dichte Regen steigerte sich um 4'/2 Uhr zum Wolkenbruch und ver-
ursachte ein solches Brausen, dafs der Eine nicht des Anderen Worte verstehen
konnte. Das Barometer war inzwischen . wieder auf 773,3 mm gestiegen bei
gleichzeitigem Abflauen des Windes, Trotzdem wir uns in einer Gegend befanden,
in der Stürme selten sind, liefs ich doch die leichten Segel festmachen. Der
heftige Regen hatte den Seegang vollständig heruntergedrückt, und die Meeres-
oberfläche war so glatt wie eine Diele. Wir dachten daher am allerwenigsten
an einen Orkan. Aber um 5 Uhr nachmittags fiel ganz plötzlich eine Böe .mit
einer solchen Wucht ein, dafs das Schiff sich platt auf die Seite legte und eine
Bewegung machte, als wolle es den Bug ganz unter Wasser tauchen. Das Grofs-
segel war das erste Segel, welches den Windstofs nicht aushalten konnte und
aus den Lieken flog. Dieses ist jedoch unser Glück gewesen, denn nur so war
es möglich, das Schiff vor den Wind zu bringen, wodurch übrigens nicht ver-
hindert werden konnte, dafs sämmtliche stehenden Segel zerrissen und wegflogen.
Innerhalb von 5 Minuten war dieses geschehen und das Schiff vollständig kahl.
Auch ein Rüstbolzen war bei dem schweren Ueberholen des Schiffes gebrochen
und mancher andere Schaden am Schiffe angerichtet. Um 8 Uhr abends war
das Barometer wieder bis zu dem am Mittag innegehabten Stand von 773,4 mn
gestiegen;.es trat um dieselbe Zeit Windstille ein, der Regen hörte auf, und im
Zenith kamen einige Sterne durch. Die Böe hatte eine furchtbar hohe See auf-
geworfen, die fortwährend über das Schiff hinwegbrach. Dort, wo eine halbe
Stunde zuror eine glatte Meeresoberfläche vorhanden gewesen war, lief jetzt
eine so hohe unregelmäfsige See, dafs sich das Schiff kaum derselben erwehren
konnte. Das Unheil, welches die Sturmböe begonnen hatte, schien die aufgeregte
See vollenden zu wollen. Die Windstille dauerte bis gegen 10 Uhr abends, dann
kam wieder ein Ostwind durch, der ganz rasch zu einem orkanartigen Sturm
ausartete, während das Barometer wieder bis auf 772,4 mm gesunken war. Der
Sturm hielt mit gleicher Stärke bis zum Mittag des 5. Oktober an, worauf er
allmählich abnahm. Dabei erreichte das Barometer um 4 Uhr. morgens den
5, Oktober mit 772,2 mm seinen tiefsten Stand und stieg darauf gegen 8 Uhr
morgens auf 773,4 und gegen 12 Uhr mittags auf 773,9 mm.‘) Während der Dauer
der Böe sprang der Wind hin und her zwischen Süd und OSO.
Mein Bericht soll bezwecken, meine Kollegen vor der Gefahr, in der Nähe
der Kap Verden ganz plötzlich von einem Orkan hefallen zu werden, zu warnen,
Die Gefahr wird noch dadurch vergrößert, dafs man sich in einer Gegend be-
findet, in der Orkane selten sind.
Bis hierher der Bericht von Kapt Hellriegel.
So selten, wie wohl vielfach angenommen‘ wird, sind nun freilich die
Passatstörungen, manchmal von schweren Böen und selbst von Orkanen begleitet,
in der Nähe der Kap Verden nicht. Die meteorologischen Journale der See-
1) Wie schon ‚anfangs bemerkt, zeigt das Barometer mindestens 12 mm zu hoch.
Ann. dA. Hyär. ete.. 1898. Heft 1X.