Pettersson: Zur Methodik der hydrographischen Forschung. 319
polation, welche A. Hamberg ausgearbeitet!) hat. Der Sauerstoff und der
Kohlensäuregehalt eines Wassers liefern den werthvollsten Aufschlufßs über die Art
und die Intensität-des organischen Lebens, welches sich darin bewegt hat. Auch wenn
dieses Thier- oder Pflanzenleben längst ausgestorben ist, sind wir im Stande, die
Spuren davon in den Schwankungen des Sauerstoff- und Kohlensäuregehaltes
nachzuweisen. Da diese Behauptung den meisten Hydrographen neu und uner-
wartet vorkommen muß, mögen einige Worte zur Erklärung hier am Platze
sein. Es war längst bekannt, dafß die Kohlensäure (d. h. der Totalgehalt an
gebundener und freier Kohlensäure) im Meerwasser grofsen und unregelmäfsigen
Schwankungen unterworfen war, Bei der Untersuchung des Tiefenwassers der ab-
gesperrten Mulden der schwedischen Fjorde im Jahre 1890 fanden G. Ekman
und ich den Kohlensäuregehalt ungewöhnlich grofs (51 bis 52 ccm im Liter) und
zugleich den Sauerstoffgehalt sehr herabgesetzt“) (bis zu 1,58 ccm pro Liter). Wir
schlossen daraus, dafs der Athmungsprozess der T’hierwelt in den tiefen Regionen
dieser Fjorde diese Wirkung hervorgebracht haben mufste. Physiologische KEx-
perimente?) an Fischen in einem geschlossenen Aquarium zeigten, dafs diese Ver-
muthung begründet war. Später fanden wir, dafs‘ auch die intermediären nicht
abgesperrten Wasserschichten dasselbe Verhalten zeigen wie das Tiefenwasser,
sobald größere Mengen von Fischen sich darin aufhielten.. So z. B. hatten die
Wasserlager zwischen 40 und 60 m des Gullmarfjords, worin in dem Winter 1895
bis 1896 eine sehr ergiebige Heringfischerei getrieben wurde, einen Kohlensäure-
gehalt von 48,5 ccm bis 49,6 ccm pro Liter, während der Sauerstoff nur 5,6 ccm
bis 3,9 ccm pro Liter betrug (11. Februar 1896). An demselben Tage wurden in
derselben Tiefe und in demselben Wasserlager aufserhalb der Fjordmündung
47,4 ccm CO, und 7,1 ccm O, pro Liter gefunden. Die Temperatur, 5° bis 6° C,
war dieselbe. Die Fische hielten sich ausschließlich innerhalb des Fjordes in der
genannten Tiefe, 40 bis 60 m, auf, wo wir sie in der unter den Fischern üblichen
Weise durch Lothung antrafen. Die Heringe verweilten in dieser Tiefe (in Bankwasser)
zur Tageszeit und stiegen nachts hinauf in die kälteren (an Sauerstoff reicheren
1 cem pro Liter]) oberen Wasserschichten, wo sie mit Netzen gefangen wurden.
ach dieser Erfahrung bezweifle ich nicht, daß die Herabsetzung des Sauerstoff-
gehalts des Bodenwassers zu 28 bis 29 % in gewissen Gegenden des Nordsee-
gyebietes, welches schon von der Pommerania- Expedition und später von der
Drache-Expedition*) sowie auch mehrfach von uns im Skagerrak und in der Ost-
see beobachtet wurde,°) als eine Wirkung des Thierlebens zu betrachten ist. In
der Regel ist das Tiefenwasser des Nordseegebietes und der eigentlichen Ostsee
relativ arm an gelöstem Sauerstoff, was wohl mit dem Fischreichthum der Nord-
see in Einklang steht. Wo das Pflanzenleben im Weltmeer überwiegt, entsteht
ein entgegengesetztes Verhältnis zwischen den Mengen der gelösten Gase: durch
die Assimilation der Diatomeen, der Algen, der Cilioflagellaten u. s. w. steigt der
Sauerstoffgehalt und vermindert sich die Kohlensäure. Es waren schon früher
von der Challenger-Expedition®) und der norwegischen atlantischen Expedition”)
einzelne Proben von Tiefenwasser, welches mit Sauerstoff übersättigt war, ge-
funden. Solche Proben entstammten größstentheils den arktischen und antarktischen
Theilen der Ozeane. Als ich im Östseewasser, welches im April 1893 östlich
von Gotland in 15 und 30 m Tiefe geschöpft wurde, einen allerdings kleinen
aber analytisch sicher bestimmbaren Ueberschuls von Sauerstoff. (= 34,39 und
34.01 %) fand, schrieb ich) nach Berathung mit Professor Cleve, Folgendes:
„Ich vermuthe, dafs sowohl Ueberschufs als Mangel an Sauerstoff im Meerwasser
von dem organischen Leben bewirkt wird. Uebersättigung. mit Sauerstoff wäre
alsdann dem überwiegend von vegetabilischem Plankton (Diatomeen und Algen);
Mangel an Sauerstoff dem Vorkommen von animalischem Plankton und höheren
5) A. Hamberg: Hydrografisk-kemiska iakttagelser 1. c. p. 22 u. Tafel I.
") „A Review ete.“ 1. c. p. 526,
3) ibid, p. 597.
4) Die Ergebnisse der Untersuchungen S M. Kanonenboot „Drache* in der Nordsee in den
Sommern 1881, 1882 und 1884. Berlin 1886. Tafel D 2.
5) „A Review“, 1. ©. VII, p. 625. .
5) Dittmar, „Chall. Rep. Physics and Chemistry“ XI, p. 186, 195.
3) Tornee, „Norweg. Exp. Chemistry“ I, p. 17.
8) O. Pettersson, „Soluska Hydrografiska Undersökningar I Oesterfjord“; Bih. K. V. H.
Handl. Bad. 19, Afd. II, No. 4, p. 8.