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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1898,
Zur Methodik der hydrographischen Forschung.
Von O0. PETTERSSON.
In dem Folgenden werde ich in kurzer Zusammenfassung die hauptsäch-
lichsten Erfahrungen besprechen, welche wir bei den schwedischen Untersuchungen
der Ostsee, des Skagerraks, der Nordsee und angrenzenden Gebiete des Nord-
atlantic gemacht,
4. Es ist nothwendig, die Untersuchung nicht nur auf die Sommermonate
zu beschränken, wie es früher Sitte war, sondern auch in den übrigen Jahres-
zeiten den Zustand des Meeres zu ermitteln. Die Veränderungen, welche sich
zwischen Sommer und Winter in unseren Meeren — und besonders in den oberen
Wasserschichten derselben — vollziehen, sind von der gröfsten Bedeutung nicht
nur für die Kenntnißs der ozeanischen Cirkulation, sondern auch für die Meteoro-
logie und die Fischereiverhältnisse Nordeuropas. Ich kann als Beweis für diese
Behauptung auf sämmtliche von uns seit 1890, wo unsere ersten Winterexpedi-
tionen im Skagerrak gemacht wurden, ausgegebenen Arbeiten hinweisen.
2. Wegen dieser jährlichen Veränderlichkeit der oberen Wasserschichten
ist es aus praktischen Gründen geboten, die Untersuchung der oberen beweg-
licheren Wasserlagen gesondert von der Durchforschung der grofsen ozeanischen
Meerestiefen vorzunehmen. Diese tiefen Regionen enthalten mehr oder weniger
stagnirendes Wasser und eine für sich abgesonderte Thierwelt. Da der Wechsel
der Jahreszeiten darauf keinen Einflufs ausübt, kann man die eigentliche Tiefsee-
forschung zweckmäfeig denjenigen Expeditionen überlassen, welche dann und
wann im Sommer von den verschiedenen Ländern ausgesandt werden, um die
Thierwelt der ozeanischen Tiefen zu studiren. Die oberen Wasserschichten von
600 bis 800 m Tiefe sind aber so veränderlicher Natur, dafs nur eine fortgesetzte
3ystematische Erforschung derselben in den verschiedenen Jahreszeiten zum Ziele
führen kann. In diesen Wasserschichten spielt sich der Mechanismus der grofsen
Meeresströmungen ab; sie enthalten den in südlichen Breiten aufgespeicherten
Wärmevorrath, welcher im Winter durch die Vertikalcirkulation der Atmosphäre
zugeführt wird, und in ihnen hält sich schwebend die Pflanzen- und Thierwelt
der mikroskopischen Organismen des Plankton.
3. Der leitende Gedanke in dem Plan, welchem wir seit 8 Jahren gefolgt sind,
ist der: den aktuellen Zustand des Ozeans durch möglichst gleichzeitige
Beobachtungen an bestimmten Stationen und Beobachtungslinien zu
ermitteln und diese Beobachtungen zu einem Gesammtbild zu ver-
einigen. Wenn man nach 3, 6 oder 12 Monaten ähnliche Observationen an
denselben Stationen macht, gewinnt man einen Ueberblick der Veränderungen in
dem Zustand des ganzen Meeresgebietes, welche von einer Jahreszeit zur anderen
oder von einem Jahr zum anderen eingetreten sind. Gilt es, ein derartiges
ÖObservationsnetz über ein größeres Meeresgebiet auszuspannen, mufßs man natür-
lich über mehrere Dampfschiffe verfügen, und die nothwendige Voraussetzung für
das Gelingen des ganzen Unternehmens ist, dafs dasselbe von vorne her voll-
ständig organisirt ist und dafs jeder Theilnehmer nach einem gemeinschaftlich
{estgestellten Plan arbeitet. Diese neue Art der Meereserforschung läfst sich nur
unter den folgenden Bedingungen realisiren:
4. Die systematische Erforschung des Zustandes und der jährlichen Ver-
änderungen der Ostsee, des Nordseegebietes und des Nordatlantic wird nur durch
internationale Kooperation ermöglicht in der Weise, dafs die verschiedenen Nord-
see- und Ostseeländer nach Uebereinkunft die Arbeit unter sich theilen. Gegen-
stand dieser internationalen Ausforschung sollten nicht nur die rein hydrographi-
schen Verhältnisse sein, sondern auch die Beziehungen derselben zu der Meteorologie
und zu den Fischereien der nordeuropäischen Meere. Durch die in 1893 bis
1894 und zum Theil auch in den folgenden Jahren ausgeführte internationale
Untersuchung, welche allerdings nur als eine Rekognoseirung der Nordsee und
Ostsee zu verschiedenen Jahreszeiten aufzufassen ist, wurde es unzweideutig fest-
gestellt, dafs das Erscheinen der grofsen Züge der Heringe, des Dorsches und
der Makrele in unseren Meeren zeitlich zusammenfallen mit dem Eintreten von
gewissen bedeutenden Veränderungen in der chemischen und physischen Be-