22 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1898.
Zeiträume durchforscht werden. Die so in räumlicher wie in zeitlicher Beziehung
verbleibenden Lücken auszufüllen, ist nur eine die ganze Erde umfassende theo-
retische Behandlungsweise im Stande, die gleichzeitig das zuverlässigste und das
einfachste Mittel bildet, den gesammten durch die Beobachtungen angehäuften
Stoff zu verwerthen. Gilt dies nun schon für den Zustand der Forschung, den
wir günstigstenfalls von der Zukunft erhoffen dürfen, so gilt es noch weit mehr
von dem jetzigen Zustande, in dem diese Lücken ganz aufserordentlich grofs und
unregelmäfsig sind. Hier ist es von der gröfsten Bedeutung, wenn Beobachtungen,
die nach Zeit und Ort ohne Zusammenhang miteinander angestellt wurden, an
eine theoretisch gegebene Grundlage angeschlossen werden, so dafs nur die ver-
hältnifemäfsig kleinen Abweichungen der beobachteten von den theoretisch er-
schlossenen Werthen für die weitere Untersuchung in Betracht kommen. In der
Astronomie, in der Geodäsie ist dieses Verfahren allgemein eingebürgert. Der
Astronom, der etwa den Ort eines Planeten beobachtet hat, giebt als Schluß-
resultat seiner Messungen die Abweichung dieses Ortes von dem vorausberechneten,
in der Ephemeride verzeichneten an und liefert damit einen Beitrag zur späteren
Verbesserung der Elemente der Planetenbahn, die von jedem Anderen vor-
genommen werden kann, sobald sich eine genügende Anzahl solcher Beiträge
angesammelt hat. Ebenso wird das Ergebnifßs einer Schweremessung stets mit
dem von Helmert angegebenen theoretischen Normalwerthe verglichen, und
andere geodätische Messungen werden auf ein Referenzellipsoid, etwa das Bessel-
sche, bezogen. In gleicher Weise sollte jede Messung eines erdmagnetischen
Elements, die einen Anspruch auf wissenschaftliche Brauchbarkeit erhebt, mit
dem für den betreffenden Ort theoretisch berechneten Werthe verglichen, und es sollte
die dabei verbleibende Differenz zwischen Beobachtung und Rechnung festgestellt
werden, um als Baustein für einen späteren, verbesserten Aufbau der Theorie
zu dienen. !)
Die Ausführung dieses Planes erfordert natürlich, dafs eine einheitliche,
auf theoretischer Grundlage beruhende Zusammenstellung der erdmagnetischen
Elemente für die ganze Erdoberfläche vorhanden ist, aus der man die Normal-
werthe für die einzelnen Beobachtungsorte leicht entnehmen kann. Ein solches
Hülfsmittel zu schaffen, war eine der Aufgaben, die ich mir stellte, als ich vor
mehreren Jahren daran ging, auf Grund der von Neumayer im Berghaus-
schen Physikalischen Atlas gegebenen kartographischen Darstellung eine Berech-
nung des erdmagnetischen Potentials für den Anfang des Jahres 1885 auszuführen.
Eine Mittheilung der Hauptergebnisse dieser Arbeit ist schon vor zwei Jahren
(in den Abhandlungen der Münchener Akademie) erfolgt; eine ausführlichere
Darstellung soll im nächsten Jahrgange der Zeitschrift „Aus dem Archiv der
Deutschen Seewarte“ erscheinen. Sie wird eine Tabelle der Werthe der erd-
magnetischen Kraftkomponenten für alle Punkte von 5° zu 5° in Länge und
— x ı —
Breite enthalten, die bis auf 0,00001 cm “gs : (d. i. 0,0001 Gausssche
Einheiten) genau einer theoretisch scharf definirten Vertheilung der Kraft ent-
sprechen. *
Solche Tabellen sind bisher schon zweimal berechnet worden, ganz ab-
gesehen davon, dafs die von Gauss seiner „Allgemeinen Theorie“ hinzugefügte
Hülfstafel, die allerdings ganz anderer Natur ist, demselben Zwecke dient. In
der bekannten Berechnung des erdmagnetischen Potentials für 1829 durch Erman
und Petersen finden sich sowohl die Werthe der Komponenten (X, Y, Z), wie
die der Elemente (Deklination d, Inklination i, Horizontalintensität H, Total-
intensität T — dort w und f genannt) für alle Punkte von 10° zu 10° in Länge
und von 5° zu 5° in Breite berechnet und angegeben. Den Intensitätswerthen
liegt die auch von Gauss angewandte, sogenannte konventionelle (Hum boldtsche)
Einheit zu Grunde. Eine zweite, gleich der meinigen auf Neumayers Werthen
für 1885,0 beruhende Tabelle hat H. Fritsche vor Kurzem veröffentlicht. Das
Intervall der Punkte ist hier in Breite gleichfalls 5°, in Länge aber nur 719,
Die Zahl der Punkte ist also gröfser als bei Erman und Petersen. Berechnet
sind X, Y, Z, 0, i und H (dort 'T genannt). Diese Tafel würde, obgleich sie
zunächst nicht zu diesem Zwecke bestimmt ist, doch ganz wohl zur Grundlage
y Vel. die Ausführungen von Scheriug im „Geographischen Jahrbuch“, Bd, XV, 1891, S. 143.