Geschichte und Entwickehung der Leuchtfeuer,
9271
bildern erläutert, welehe hier nicht wiedergegeben werden können. Wir ver-
weisen daher zur Erleichterung des Verständnisses auf die in diesen Annälen
veröffentlichten Aufsätze mit erklärenden Zeichnungen: Jahrgang 1893, Seite 54,
Chüden: „Ueber Leuchtfeuer“; Jahrgang 1896, Darmer: „Eniwickelung der
elektrischen Beleuchtung in Frankreich“.
Die kurze Zeit eines Abends reicht nicht aus zur eingehenden Entwicke-
lung der Leuchtfeuer, ihrer Wirkungen und ihrer Einrichtungen, es soll daher
nur eine geschichtliche Darstellung der Leuchtfeuer vom Beginn der Zeiten, wo
die auflodernden Flammen eines Holzstofses dem Schiffer als Wahrzeichen dienten,
bis heute, wo die Elektrizität Wirkungen erzielt, von denen man früher keine
Ahnung hatte, gegeben werden.
Eine bemerkenswerthe Erscheinung ist es, dafs im Alterthum etwa bis
zum Ende der römischen Kaiserzeit für die Sicherheit der Schiffahrt so gut wie
nichts geschehen ist, denn Leuchtfeuer im eigentlichen Sinne des Wortes gab es
bis dahin sehr wenig. Erklärt wird dies dadurch, dafs die gesammte Schiffahrt
vor Erfindung des Kompasses, welche etwa in das Jahr 1300 p. Chr. n. fällt, sich
zumeist nur der Küste entlang bewegte, oder höchstens von Insel zu Insel führte.
In der Beschreibung der Reise des Apostels Paulus von Caesarea nach Rom
wird eine sehr anschauliche Schilderung einer solchen Seefahrt gegeben.
Dies ist um so merkwürdiger, als im Alterthum die Feuertelegraphie, d. h.
das Zeichengeben durch Feuersignale, bekannt gewesen und von ihr auch ein
ausgiebiger Gebrauch gemacht wurde. So erfuhren die Athener durch solchen
Telegraphen genau die Größe und Zahl der Schiffe, welche die Perser gegen sie
in den Kampf führten. Von Karthago nach Sicilien war ein Fackelsignalsystem
ausgebildet worden, dessen Zeichengebung den jetzt allgemein in Anwendung
befindlichen Flaggensignalen ähnlich gewesen sein dürfte. Die Feuertelegraphie
ist noch im Anfange dieses Jahrhunderts in Gebrauch gewesen.
Es ist zu verwundern, dafs trotz der allgemein bekannten und geübten
Zeichengebung durch Feuer doch Leuchtfeuer in unserem Sinne im frühen Alter-
thum nicht vorhanden gewesen sind, und wenn einzelne Stellen alter Schriften
zu der Annahme geführt haben, es hätten Leuchtfeuer bestanden, so mufs diese
Vermuthung als eine irrige bezeichnet werden; die erwähnten Feuer sind nur
Signale gewesen. Im anderen Falle hätte zweifellos vor Allen Herodot und vor
ihm zweifellos die Odyssee, deren Schauplatz ja in besonderem Mafse das Meer
war, der Leuchtfeuer Erwähnung gethan, was nicht geschehen ist.
Der erste geschichtlich nachgewiesene Leuchtthurm ist der Thurm auf
der Insel Pharos vor Alexandrien gewesen, und ist hiervon später die Bezeichnung
Pharos allgemein für Leuchtfeuer gebraucht worden, Er wurde etwa 300 v, Chr.
erbaut und wird im Alterthum als eines der sieben Weltwunder bezeichnet. Die
Kenntnifs. von seiner Bauart, Einrichtung und Höhe ist aber so dürftig, dafs von
ihm ein auch nur annähernd zutreffendes Bild nicht entworfen werden kann.
Yon einem arabischen Geographen aus der Mitte des zwölften Jahrhunderts wird
er zwar erwähnt, aber diese Notizen sind wenig verwendbar, weil bei der Be-
schreibung ein Mafssystem benutzt wurde, welches uns unbekannt ist. Immerhin
muß es zweifellos von höchstem Interesse sein, sich von ihm, der noch im
zwölften Jahrhundert n. Chr. vorhanden gewesen sein soll, eine Vorstellung zu
machen. Der arabische Schriftsteller giebt die Höhe des in einzelnen Absätzen
aufgeführten Thurmes zu 100 Klaftern an, wovon auf den untersten Absatz 70,
auf den zweiten 26 und auf die eigentliche Laterne vier Klafter entfallen. Die
Breite des Bauwerkes wie seine Tiefe soll 40 Klafter betragen haben. Für
diese Mafsbestimmung fehlt es leider an Anhaltspunkten zu einem Vergleiche mit
unserem Mafssystem. Zur Beurtheilung der Höhe dürfte die römische Mittheilung
einen Fingerzeig geben, nach welcher das Feuer des Thurmes bis zu 100 Stadien
gesichtet werden konnte, was auf etwa 130 m Höhe schließen läfst, aber ent-
schieden als sehr übertrieben zu bezeichnen ist, wenn nicht Luftspiegelungen ein-
gewirkt haben. Der Schriftsteller Flavius Josephus erwähnt einen Thurm,
welcher dem von Pharos in nichts nachgestanden haben soll, und giebt dessen
Höhe zu einigen 70m an; von ihm erfahren wir auch, daß als Feuermaterial
Holz verwendet wurde. Der untere Theil des Pharos-Leuchtthurmes war zweifellos
als Kastell eingerichtet, die Besatzung konnte jederzeit zu diezem auf einer
schmalen Landzunge, welche die Insel mit dem Festlande verband, gelangen.