van Bebber: Bemerkenswerthe Stürme. X.
gelegenen Strafsen, sogar die hohen Einfassungsmauern der Themse, überfluthete.
Fast alle Uferplätze unterhalb Londons sind überschwemmt. ARochester und
Chatham waren gestern ohne Beleuchtung, da das Wasser in die Gasanstalt ein-
gedrungen war und das ausgedehnte Kriegsarsenal von Woolwich überfluthet und
gänzlich außer Betrieb gesetzt hat. Aus den Seestädten an allen Küsten treffen
Nachrichten von verheerenden Ueberfluthungen und zerstörten Seedämmen ein.
Die Great Eastern Eisenbahn ist in der Nähe von Harwich mehrfach von der
Fluth beschädigt, der Betrieb naclı dem Kontinent eingestellt. Bei Yarmouth
gingen sechs kleinere Schiffe mit 25 Mann unter, die Schiffsverluste sind noch
gar nicht übersehbar. Die meisten Küstenstationen berichten von Strandungen
vorläufig unbekannter Fahrzeuge; Schiffstrümmer treiben an.“
„Sonntag (am 28.) und Montag (am 29,) sind furchtbare Stürme fast über
das gesammte vereinigte Königreich gestrichen. In Margate wurde der Wind in
der Nacht und am Montag Morgen orkanartig. Seit Jahren hat die Stadt nicht
solches Unwetter erlebt. Schornsteine fielen herab, Gitter wurden umgeweht,
dicke Spiegelglasscheiben eingedrückt und zwei Schulhäuser entdacht. Die Marine-
Palast-Konzert-Halle wurde völlig demolirt. Das Wasser ergofs sich über die
Seemauer und stand auf der Strafse bei derselben 2 Fuß hoch. Das Margater
Rettungsboot rettete die Besatzung der Bark „William and Elizabeth Little“,
Die Duke-Strafßse in Margate ist durch herabgefallene Trümmer versperrt. In
Yarmouth herrschte am Sonntag dichter Nebel. Der Dampfer „Frobisher“ rannte
das Fischerboot „Guide“ in den Grund. Auf den Bahngeleisen stehen die Waggons
in 2-—3- Fuß tiefem Wasser. Viele Häuser in Yarmouth kann man nur mit einem
Boote erreichen. Auch in Lowestoft hat der Sturm furchtbar gewüthet, Auf
den Sandbänken strandete ein grofser Dampfer. Die Wellen rissen die Schutz-
mauer der Esplanade auf eine Strecke von 200 Yards fort. Der Sturm hob
grofse Steinblöcke in die Höhe. In der St. Johnskirche steht das Wasser knie-
hoch. Niemals ist das Wasser in Yarmouth so hoch gestiegen. Vor Sunder-
land scheiterte der Schoner „Resolute“, Bei Shields ging der Dampfer „Trelyon“
unter. Andere Fahrzeuge geriethen auf den Strand. In West-Hartlepool wüthete
der Sturm cyklonartig. Auf den Schiffsbauhöfen konnte am Montag nicht
gearbeitet werden. In Scarborough wurde ein Theil der neuen Seemauer fort-
gerissen. Bei Dungeness stiefs der Dampfer „Noel“ von Dünkirchen mit einem
viermastigen Segelschiff zusammen und schnitt es fast in zwei Stücke. Die
gesammte Besatzung des Segelschiffes kam um. Der „Noel“ aber erlitt auch
grofsen Schaden. Vor Blackpool wurde das einstmalige Flaggenschiff Nelsons,
der „Foudroyant“, in Stücke zerschellt. Der Nothhafen von Holyhead konnte
kaum die Zahl der Schiffe fassen, welche dort Zuflucht suchten. Der Dampfer „Volta“,
welcher am Sonnabend mit britischen Truppen von Liverpool nach Westafrika
abfuhr, mufßste gestern in Dele einlaufen. Der Postdampferdienst zwischen
Folkestone und Boulogne mufßte gestern eingestellt werden. Auch die Boote
zwischen Dover und Calais konnten einen Theil des Tages nicht fahren. In Leith
wurde ein 15 Fufs hoher Schornstein eines Hauses vom Sturm umgeweht. In
Blackburn hat seit Sonntag seltsames Wetter geherrscht. Erst fiel Regen in
Strömen herunter. Darauf folgten Gewitter und Hagelstürme. Die Donner-
schläge waren so stark, dafs die Leute auf die Stralse liefen, weil sie glaubten,
es habe eine Explosion stattgefunden. Schliefslich begann es zu schneien. In
Sheerness konnten die Urlauber gestern nicht auf die Schiffe zurückkehren. Vor
dem Medway ist ein grofser Kahn gestrandet. Vom Pier sind schon 200 Fufßs
fortgeschwemmt worden. Als die Fluth gestern Nachmittag bei Woolwich ein-
trat, mußte die Arbeit auf den Werften aufgegeben werden, obgleich sie 3 bis
4 Fuß über Hochwasserstand liegen. Um 4 Uhr hatte die Fluth schon eine
solche Höhe erreicht, dafs zwei riesige Pulvermagazine in Gefahr kamen. Die
gesammte verfügbare Garnison wurde deshalb aufgeboten, die Munition zu retten.
Das Wasser stieg immer höher. Das Feuer der Kessel im Arsenal ging aus.
Die 17000 Arbeiter wurden nach Hause geschickt, Sie mufsten eine lange
Strecke durch das an die Kniee reichende Wasser waten. Den höchsten Stand
erreichte das Wasser gestern Abend um 5'/a Uhr. In London ging die Fluth
über den Themse-Quai. Das ist kaum je vorgekommen.“
Nicht minder heftig wütheten die Stürme an der französischen, belgischen
und niederländischen Küste, wo sie ebenfalls ungewöhnliche Hochfluthen im
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