230 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1898,
Stand setzt, von der praktisch erworbenen Fertigkeit den zweckentsprechendsten
Gehrauch zu machen, d.h. aus den Umständen, unter welchen die Beobachtungen
gemacht wurden, die Zuverlässigkeit des gefundenen Schiffsortes zu bestimmen.
Die einzelnen Aufgaben der Steuermannskunst sind leicht fafslich behandelt;
die Behandlungsart ist geeignet, den Ruf einer „schwarzen Kunst“, in welchem
die Steuermannskunst noch vielfach steht, zu zerstreuen. Sehr zu loben ist die vom
Verfasser durchgeführte deutsche Bezeichnung für die verschiedenen astronomischen
Ausdrücke; die Bezeichnungen sind klar und erleichtern Laien das Verständnifs.
Ihre allgemeine Einführung in den Unterricht wäre zu wünschen. Die erläuternden
Zeichnungen sind klar und übersichtlich, eine Zeichnung der Kompafsrose mit
Bezeichnung würde erwünscht gewesen sein.
Die Ausstattung ist gut, der Preis mäfsig.
+
Beobachtungen meteorologischer Erscheinungen.
Von BARTLING, IV. Offizier des Dampfers „Gera“
l. Am 19. September 1897, um 11 Uhr abends, auf 35° 29’ S-Br. uud
130° 30’ O-Lg., in der grofsen Australischen Bucht, wurde ein eigenthümliches
Wolkengebilde beobachtet. Der Wind war Nord 2, und der Himmel völlig wolken-
los. Plötzlich kam in SW eine kleine dunkle Wolke über den Horizont, welche
rasch höher stieg, in ihrem mittleren Theil sich von dem Horizont trennte, aber
an beiden Enden in steter Berührung mit demselben blieb. Sie hatte eine scharf
begrenzte, schlauchartige Form, in der Mitte einen Durchme*ser von etwa 5°,
während die beiden Enden nach unten spitz zuliefen. Ohne die Form zu ändern,
bewegte sich die Wolke rasch in nordöstlicher Richtung fort, mit ihren beiden
Enden in steter Verbindung mit der Kimme bleibend. Die Sterne wurden durch
den Vorübergang der Wolke auf kurze Zeit verdunkelt. Der Wind sprang für
einige Minuten auf SW, war aus dieser Richtung puffig und kam dann wieder
von Nord durch. Später bildete sich starker Thau. Der Luftdruck betrug
755,5 mm (red.), die Lufttemperatur 13,8° C und die relative Feuchtigkeit 93 °/o.
Die Zeitdauer von dem Auftauchen der Wolke bis zu ihrem Verschwinden um-
fafste 20 Minuten. d
II. Am 17, Oktober 1897, im Mittelmeer auf 32° 50’ N-Br. und 285° 50’
O-Lg., sahen wir von 4—5!/2 Uhr nachmittags mehrere, nicht vollkommen aus-
gebildete Wasserhosen, welche rüsselartig von einer dunkleren Cumuluswolke
herabhingen. Einige derselben verloren sich in der Luft, andere endigten in
einer zweiten Cumuluswolke. Die Farbe der Wasserhosen war von hellgrau bis
schwarz; es schien indefs, als ob sich im Innern derselben eine hellere Masse
nach oben bewege. Von einem der Trichter liefen an einem Punkte zwei
Schläuche unter einem Trennungswinkel von etwa 45° aus. Das Wetter war
z. Z. schön und klar, kein Niederschlag vorhanden und der Wind NNW 3. Das
Barometer hatte einen Stand von 762,5 mm (red.), die Temperatur der Luft
betrug 25,2° C und die relative Feuchtigkeit 77 %.
II. Um 5 Uhr 20 Min. morgens, den 21. Oktober 1897, wurde die Reise
von Neapel nach Genua angetreten. Am Vormittag hatten wir unter Monte
Cirello heftige Gewitter mit starkem Regen; der Wind war SSW 4—5. Plötzlich
erblickten wir an Backbordseite voraus, eiwa 1Sm entfernt, eine Wasserhose,
welche aus einer dunkelen Cumulus- (Nimbus-) Wolke entstand und ein Mal fast
bis zum Meeresspiegel herniederrückte, sich wieder zurückzog und zum zweiten
Mal mit dem Meere verband. Aus einem schwarzen Trichter senkte sich ein
dunkelgrauer, im Innern hellerer Schlauch mit sehr scharfen Rändern herab und
wirbelte einen Gischt etwa 9m vom Meeresspiegel in die Höhe. Die Krschei-
nung kam im West in Sicht und zog langsam nach NO, beinahe in der Wind-
richtung und dwars zum Kurs des Schiffes, Wir steuerten der Wasserhose links
aus dem Wege, und als wir uns später wieder auf unserem Kurse befanden, war
dieselbe dwars an Steuerbordseite. Sie verschwand dann bald darauf, indem
sich der Schlauch vom Meere loslöste und nach oben zog. Die Erscheinung
dauerte 7 Minuten. Bald nachher sprang der Wind auf NO. Es bhblitzte an
beiden Seiten der Wasserhose.