Ann. d. Hydr. usw., LXV. Jahrg. (1937), Heft VI.
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Das Wesen der vieljährigen Klimaänderungen in neuer Beleuchtung.
Von Ferd. Travnicek, Graz,
Jede naturwissenschaftliche Feststellung bleibt solange Gegenstand eng
begrenzter Fachforschung als durch sie nicht Vorstellungen allgemeinster Art
berührt werden. Ist dies aber einmal geschehen, sind ehemalige Selbstverständ-
lichkeiten zweifelhaft geworden und dabei gar noch neue 6konomische Momente
aufgetaucht, so verdient dieselbe auch allgemein bekannt zu werden.
An der Spitze aller Forschung nach den vieljährigen sogenannten „säkularen“
Änderungen des Klimas steht die eine große Frage, wie solche denn überhaupt
möglich sind. Als anerkannte Erklärungsversuche waren bislang nur folgende
in Verwendung:
1. Die Annahme einer säkularen Änderung der mittleren Sonnenstrahlung,
welche für die Erdoberfläche entweder primär durch astrophysikalische
Änderungen, oder sekundär durch Änderungen der Erdalbedo zustande
kommt;
2, die Annahme von geänderter Land- und Wasserverteilung und
3. die Annahme einer Änderung der geographischen Breite oder auch bloß
der Schiefe der Ekliptik.
(Die beiden letzten Annahmen lassen sich naturgemäß nur auf sehr lang
dauernde Klimaänderungen der Vorzeit beziehen, von denen allein die Geologie
uns Mitteilung machen kann.) .
4. Als letzter Erklärungsversuch kurzer „säkularer“ Änderungen wurde auch
von systematischen Verlagerungen von Zugstraßen barometrischer Hoch und
Tief gesprochen.
Aus dem Erwähnten ist zu entnehmen, daß das Problem säkularer Klima-
änderungen heute noch als ein durchaus offenes zu gelten hat, obwohl schon
bald ein halbes Jahrhundert verflossen sein wird, seit Eduard Brückner seine
ersten positiven Feststellungen säkular-periodischer Klimaschwankungen am Spiegel
abflußloser innerasiatischer Salzseen der Mitwelt anvertraut hat.
Mittlerweile hat der systematische meteorologische Beobachtungsdienst sowohl
an Umfang wie an Qualität um ein Vielfaches zugenommen, Trotzdem ist den
Erwartungen, welche man auf E. Brückners erste Feststellungen hin anstellen
hätte mögen, nur sehr wenig entsprochen worden, so daß es heute wohl kaum
noch führende Meteorologen geben dürfte, welche an deren Realität ernstlich
glauben,
Der Grund hierfür liegt in der vielfachen Diskrepanz der Brücknerschen
Feststellungen mit der für sie einzig als möglich erachteten Art der Erklärung.
So schloß man bisher in folgender Weise: „Wenn Brückners säkulare Schwan-
kungen abflußloser Seespiegel reeiler Natur wären und also auf ebensolche des
Niederschlages oder der Verdunstung zurückzuführen sind, so müßten nicht nur
Stationen ihrer allernächsten, sondern auch solche der weiteren Umgebung in
gleicher oder wenigstens sehr ähnlicher Weise Klimaschwankungen aufweisen,
denn die großen atmosphärischen Störungen, welche den Niederschlag liefern
oder die Austrocknung bedingen, erstrecken sich über Gebiete vom Durchmesser
mehrerer 1000 km!“ (Es sind die Zyklonen und Antizyklonen.) Entsprechendes
konnte die nun schon einwandfrei geführte säkulare Statistik der letzten Jahr-
zehnte aber nicht feststellen. Es gibt nicht nur auf freien Inseln und Küsten-
streifen, sondern auch im Innern der großen Kontinente (wie z. B. der Kirgisen-
steppe oder ganz Australiens) mehrfach „Ausnahmegebiete“, in denen die
Brücknerschen Phänomene der säkularen Klimavariation mit der durchschnitt-
lichen Wellenlänge von etwa 835 Jahren (in extremen Fällen von 20 bis 45 Jahren)
nicht nur nicht zutreffen, sondern scheinbar gerade nach entgegengesetzter
Richtung umschlagen!
Alles dies war den nicht bloß nach einzelnen Feststellungen, sondern nach
zusammenhängendem Verständnis strebenden Forschern aber gewissermaßen
Ann. d. Hydr. asw. 1937. Heft VI.