212 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1898.
des Gestirns entweder die Höhe oder den Stundenwinkel desselben als drittes
Bestimmungsstück für das Azimut heranzieht.*)
Was zunächst die Beobachtung selbst anlangt, so ist die Peilung unseres
Hauptgestirns, der Sonne, nach der etwa auf wahre Ortszeit gestellten Schiffsuhr
bequemer als eine Peilung unter gleichzeitiger Beobachtung eines Kimmabstandes,
Der Hauptvortheil der Bestimmung des Azimuts nach der Zeit liegt jedoch darin,
dafs man bei ihr unabhängig ist von der Sichtbarkeit der Kimm. Infolge dieser
Vorzüge in der Beobachtung haben denn auch in den letzten Jahrzehnten, wo
die Kontrole des Kompasses eine immer wichtigere und häufiger zu lösende Auf-
gabe für den Schiffsführer geworden ist, die sogenannten „Zeitazimute“ das alt-
hergebrachte Verfahren der „Höhenazimute“ mehr und mehr aus der see-
männischen Praxis verdrängt. .
Demgemäfs wird im Folgenden hauptsächlich von den Hülfsmitteln zur
Bestimmung des Azimuts durch die Zeit die Rede sein,
Die bequemere Beobachtung bei dieser Aufgabestellung würde jedoch,
wenn man logarithmisch-trigonowmetrisch verfahren wollte, mehr als aufgewogen
durch eine unbequemere Rechnung, ein Umstand, der zur allgemeinen Einführung
von Azimuttafeln Veranlassung gegeben hat. Ist doch beim Azimut die Tabelli-
rung um so mehr am Platze, als es sich bei dieser Gröfse um eine Genauigkeit
von höchstens einem Zehntelgrad handelt.
Unter den Azimuttabellen können wir zwei grofse Gruppen unter-
scheiden: solche, welche das fertige Azimut geben, und solche, welche
die Berechnung desselben auf ein Minimum von Arbeit reduciren,
Die erste Gruppe wird besonders vertreten durch die allen unseren See-
leuten bekannten Werke von Labrosse und Burdwood-Davis, welche beide
auf die zweite Hälfte der sechziger Jahre zurückgehen.
Die „Tables des Azimuts du soleil“ des französischen Marineoffiziers
Labrosse (Paris 1896, 11 Mk.), ursprünglich etwa 180 Seiten umfassend, sind
neuerdings durch einen Anhang erweitert für die Deklinationen von 23° bis 30°,
Sie geben die Azimute, von 2° zu 2° fortschreitend, im Kopf der Tabellen, deren
vorderer Eingang die von Grad zu Grad fortschreitende Poldistanz des Gestirns
bildet. Ein Einschalten nach der Zeit ist bei dieser Einrichtung nicht unbequem.
(Zu seiner Erleichterung soll eine dem Bande angehängte Korrektionstabelle
dienen.) Dagegen ist das Einschalten nach der Abweichung unthunlich, ebenso
wie dasjenige nach der Breite. Thatsächlich wird man deshalb beim Arbeiten mit
den Tafeln von Labrosse, die übrigens nicht berechnet, sondern auf mechanischem
Wege hergestellt sind, vorausgesetzt, dafs man nach der Zeit einschaltet, unter
ungünstigen Umständen einen Fehler von einem Grad machen können; im Mittel
jedoch kann man das entnommene Azimut als auf 0,3° genau ansehen.
Noch bequemer im Gebrauch sind die beiden grofsen englischen Tafeln:
Burdwood: „Sun’s true bearing or azimuth-tables for intervals of four minutes
between ihe parallels of lat. 30° and 60° inel.“, (London, 4s 6d), nebst ihrer
Ergänzung von Davis von 0° bis 30° (ebenda, Preis 10s 6 d). Diese zusammen-
gehörigen Tafeln, das „standard work“ unter den Azimuttafeln, enthalten zusammen
562 Seiten. Sie geben die Azimute für jeden vollen Grad der Breite, jeden
vollen Grad der Abweichung und jede vierte Zeitminute, und zwar ausgedrückt
in Graden und Bogenminuten. Die Tafeln erlauben infolge dieser Einrichtung
eine so große Genauigkeit der Rechnung, wie sie nur je bei der Feststellung
der Richtung einer Sumnerschen Standlinie erwünscht sein kann, Die Angabe
des Azimuts auf Bogenminuten hat aber den Nachtheil, dafs dadurch das KEin-
schalten nach Sicht nicht unerheblich erschwert wird. Zumal wenn man als
Hauptzweck einer Azimuttafel die Kompafskontrole ansieht, würde eine Angabe
des Azimuts auf Zehntelgrade vorzuziehen sein.
1) Die sehr bequeme Berechnung des Azimuts aus Abweichung, Höhe und Stunden-
winkel nach dem Sinussatz, zu deren Erleichterung zudem verschiedene Tafeln herausgegeben sind
(A. C. Johnson: „A general Azimuth-Table fer all lat.“, London 1888; Weyer: „Kurze Azimut-
Tafel für alle Deklinationen, Stundenwinkel und Höhen der Gestirne auf beliebigen Breiten“,
Hamburg 1890), soll hier nur beiläufig erwähnt werden, da dieser einfachen Berechnung eine ver-
hältnifsmälsig umständliche Beobachtung gegenübersteht, ferner die in der Aufgabe liegende Zwei-
deutigkeit besonders in der Nähe des ersten Vertikals unangenehm empfunden wird, so dafs die
Methode für den allgemeinen Schiffsgebranch nicht in Betracht kommt.