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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1898,
varlirenden Winde scheinbar gutgemachten Breitenunterschiedes wieder nach
Süd zurückversetzt hatte, befanden wir uns morgens 5 Uhr etwa 3 Sm West von
Tobi. Die Stromversetzung in dem letzten Etmal war jedoch S64° 0, 9 Sm
gewesen, so dafs wir unerwartet die Insel in gröfserer Nähe passirten, als beab-
sichtigt gewesen. An den vorhergehenden Tagen hatte der Strom durchschnittlich
rein nach Süden gesetzt, so am 3. Februar 21 Sm, am 4. 34 Sm, am 5. 15 Sm
und am 6. 14 Sm. In der Djilolo-Straße selbst haben wir nichts von einem
südlich oder östlich setzenden Strom gespürt, auch nicht eben nordwärts der
Passage, sondern erst, als uns der zwischen NNO und NO spielende Wind bis
auf 1° N-Br, in die Nähe der Asia-Inseln, gebracht hatte.
Um nun wieder auf Tobi zurückzukommen, wollte es mir kaum glaublich
erscheinen, dafs heutigen Tages noch die Einwohner dieser in einer häufig
benutzten Segelschiffsroute gelegenen Insel es noch wagen sollten, sich den
Schiffen in feindlicher Absicht zu nähern, wie vielfach angenommen und auch in
dem von der Seewarte herausgegebenen „Segelhandbuch für den Indischen Ozean“,
auf Seite 695, berichtet wird. Ich war deshalb auf das Verhalten der Einwohner
höchst gespannt. Sehr bald sollien wir denn auch Aufklärung erhalten, denn
schon in der Morgendämmerung, in der wir die Insel nur als dunklen Schatten
sahen, wurde die Aufmerksamkeit durch ein Geschrei wachgerufen, welches aus
der Richtung zwischen der Insel und dem Schiffe herüberschallte. Mit dem
Nachtglase wurde denn auch ein Kanoe in ziemlicher Nähe entdeckt, dessen
Insassen unter Geschrei und lebhaften Gesten sich abmühten, das Schiff zu er-
veichen, das etwa zwei Knoten Fahrt mit Nordostwind durchs Wasser ging. Als
gleich darauf der Tag anbrach, kam noch eine ganze Anzahl Kanoes in Sicht,
Lheilweise durch Paddel, theilweise durch Segel getrieben. Für alle Fälle lie[fs
ich jetzt alle Mann an Deck rufen, um für den Besuch vorbereitet zu sein; der
Donkeykessel wurde geheizt, um die Insulaner im Fall eines Angriffs mit heißfsem
Dampf zu begrüfsen, der auf die blofsen Körper dieser Menschen sicher eine
schreckliche Wirkung ausgeübt hätte, Diese Vorsichtsmafsregel erwies sich aber
in der Folge als unnöthig, denn die Insulaner waren durchaus harmlos und
friedfertig gesinnt; auch hatten sie keinerlei Waffen bei sich, was doch nöthig
gewesen wäre, um irgendwie einen Angriff mit Aussicht auf Erfolg wagen zu
dürfen. Was sie mit sich brachten, waren Kokosnüsse und dünne Leinen, von
Kokosfasern gemacht, die sie gegen Kleidungsstücke, Biscuits u. a. m. umzutauschen
wünschten. Namentlich waren sie sehr begierig nach irgend welchen Kisen-
geräthen, Messern, Draht u. s. w. Vorsichtshalber erlaubte ich aber doch nicht,
dafs von den Eingeborenen welche an Bord kamen, da ihre Anzahl gegen unsere
30 Köpfe zählende Besatzung doch bedenklich grofs erschien. Es waren nach
und nach 13 grofse Kanoes längseite vom Schiff gekommen mit zusammen 180 bis
200 Menschen, alles Männer. Als indessen ein Theil von ihnen ihr Tausch-
geschäft beendigt und die gröfsere Hälfte der Kanoes sich wieder der Insel
zugewendet hatte, gestattete ich den noch längseite befindlichen Insulanern auch
das Anbordkommen, da wir ihnen nun mehr als gewachsen waren. Sie verbielten
sich denn auch sehr ruhig und bescheiden, bewunderten alles wie Kinder und
verriethen durch ihr ganzes Benehmen, dafs sie vor der weifsen Rasse den
gröfsten Respekt hegten, ja direkt Unterwürfigkeit bekundeten, da verschiedene
von ihnen einem das Zeug und die Hände külten. Die ersten Kanoes waren
schon vor 6 Uhr morgens am Schiff, und die letzten verliefsen uns erst wieder,
als mittags eine frische Regenböe aus NO einsetzte, die ihnen nicht mehr ge-
stattete, längseite zu bleiben. Die Insel lag um diese Zeit 10 Sm SzO von uns
und erschien nur noch niedrig über dem Horizont. Zwei der jungen Leute
schienen wenig Sehnsucht nach ihrer heimathlichen Insel zu verspüren, sie hatten
sich thatsächlich auf dem Schiff versteckt, um bei uns zu bleiben. Die älteren
Leute des letzten Kanoes, das noch bei uns war und zu deren Bemannung die
genannten beiden zählten, vermifsten ihre Landeskinder und holten sie aus ihrem
Versteck hervor, von ihnen mit Backpfeifen empfangen und ins Kanoe befördert,
welches alsdann auch den Rückweg antrat. Diese Insulaner waren in ihrer Er-
scheinung ähnlich den Kanaken der Samoa - Inseln, doch nicht so Kraftvolle
Gestalten als Letztere, hatten aber eine ähnliche Tätowirung am Körper wie
diese, Ganz verschieden waren sie von den Einwohnern der Asia-Inseln, von
denen wir einige Tage früher ein Kanoe voll beim Schiff hatten, als wir in der