174 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1898.
Geschwindigkeit des Windes in verschiedenen Höhen auszugsweise wieder, der
für die Mechanik der atmosphärischen Cirkulation wichtiges Material liefert.
Zur Bestimmung der Geschwindigkeit und der Richtung von Luftströmungen
in verschiedenen Höhen über der Erdoberfläche benutzt man gewöhnlich Punkte,
welche von Luftschiffern auf die Karte aufgetragen wurden und denjenigen
örtlichen Gegenständen entsprechen, über welche das Luftschiff in bestimmten
Momenten segelte. Solche Bestimmungen sind offenbar nur dann möglich, wenn
die Erde unter dem Ballon nicht durch Wolken verhüllt wird.
Das Auffinden dieser Gegenstände geschieht am besten mittelst topo-
graphischer Karten im Mafsstabe 1: 125000; im Falle jedoch die Gegend keinen
zu durchbrochenen Charakter trägt und dabei eine genügende Anzahl kenntlicher
Gegenstände, als Wege, Flüsse, bevölkerte Punkte u. s. w. besitzt, so sind auch
geographische Karten im Malsstabe von 1: 420 000 genügend.
Zur Wahl derjenigen Kartenbogen, welche man beim Aufstieg nothwendig
mit sich haben mufs, ist möglichst genaue Kenntnifs der Richtung des bevor-
stehenden Fluges durchaus unerläfslich. Zu diesem Zwecke müssen bestimmt
werden: Azimut der Windesrichtung über der Erde und Azimut der Wolken-
richtungen in verschiedenen Höhen über der Erdoberfläche.*) Auf die Karte
aufgetragen, geben diese Azimute die Möglichkeit, jedesmal denjenigen Sektor
zu bestimmen, in dessen Grenzen die Bewegung des Luftschiffes möglich ist.
Ist die Windgeschwindigkeit in verschiedenen Höhen annähernd bekannt (und
diese kann auf Grundlage der gegebenen Bestimmungen der Winkelgeschwindigkeit”)
der Wolkenbewegung berechnet werden), so kann mit einiger Sicherheit auch der
Ort der Landung bestimmt werden.
Das Visiren örtlicher Gegenstände vom Luftschiffe aus geschieht gewöhnlich
mittelst des frei berabhängenden Schleppseils, wobei die Zeit, wann dieses
Schleppseil einen oder den anderen Gegenstand durchkreuzt, in Minuten einge-
tragen wird. Theilt man die vom Ballon zwischen zwei angrenzenden auf die
Karte aufgetragenen Punkten zurückgelegte Bahn durch die entsprechende
Sekundenzahl, so erhält man die Mittelgeschwindigkeit der Bewegung des Ballons
(oder des Windes, was dasselbe ist) für jene Luftschicht, in welcher das Luftschiff
sich befand. Aenderte sich indessen die Höhe des Ballons nur unbedeutend, so
wird die auf solche Weise erhaltene Mittelgeschwindigkeit seiner Bewegung der,
nach dem Barogramm für denselben Zeitraum bestimmten Mittelhöhe des Ballons
entsprechen. Dabei mufs stets im Auge behalten werden, dafs die Genauigkeit
ähnlicher Beobachtungen sich nur in dem Falle als genügend erweist, wenn die
zurückgelegte Strecke nicht zu unbedeutend ist; widrigenfalls werden die bei den
Notirungen gemachten Zeitfehler bedeutenden Einflufs üben.
Wenn ähnliche Bestimmungen von Punkten der Karte öfter gemacht
werden, so kann man den Gang der Aenderung in der Windgeschwindigkeit
mit der Höhe genau verfolgen. Doch kann die häufige Bestimmung der Lage
des Ballons, welche vom Luftschiffer bedeutenden Zeitaufwand verlangt, nicht
immer durchgeführt werden, nicht z. B., wenn der Ballon über eine einförmige
Gegend, wie ausgedehnte Sümpfe, Wälder, weite Steppenstrecken gleitet.
Aufserdem mufs stets im Auge behalten werden, dafs es nicht immer möglich
ist, das Luftschiff zwischen zwei aufgetragenen Nachbarpunkten in derselben
Höhe zu erhalten.
Infolgedessen würden solche Bestimmungen von Geschwindigkeit und
Richtung der Bewegung weit größeren Werth besitzen, welche auf Grund
unmittelbarer Beobachtung vom Luftschiffe selbst aus, gemacht würden. Zu
diesem Zwecke kann ein kleines Fernrohr benutzt werden, welches senkrecht an
der äufseren Seite des Korbes befestigt ist. Beobachtet man die Zeit des
Durchganges eines bestimmten Gegenstandes durch das bestimmte Sehfeld dieses
Glases und ist dabei die Höhe des Luftschiffes bekannt, so ist es immer möglich,
die Geschwindigkeit der Ballonbewegung zu bestimmen,
1) Solche Bestimmungen können sehr bequem mittelst des Apparates von Pomortsef gemacht
werden (siehe „Luftschiffahrt“ 1897, St. Petersburg, Lief. I).
2) Unter Winkelgeschwindigkeit der Wolkenbewegung wird der Winkel verstanden, welchen
ein beliebiger Punkt einer Wolke in einer Sekunde beschreibt, unter der Bedingung, dafs diese
Wolke im Zenith des Beoabachtungsortes stehe, Bei Berechnung der Liniengeschwindigkeit kann
sodann die Mittelhöhe der Wolken (dieser Art) genommen werden.