Schott: „Grundeis“ im Seewasser.
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Jahre 1879, er kennt aber das Phänomen auch infolge der seit 1890 systematisch
von Schweden aus vorgenommenen hydrographischen Erforschung des Kattegats
und Skageracks aus eigener Erfahrung,
Es wird sich aus dem Folgenden ergeben, dafs es bei dem „Grundeis“
Jes Meerwassers sich ebensowenig wie bei dem „Grund- oder Siggeis“ des Süß-
wassers um eine Eisbildung handelt, die vom Grunde aus stattfindet, sondern die
ebenso gut von der Oberfläche wie von mehreren Metern Tiefe aus beginnen kann,
Doch hören wir Herrn Pettersson selbst. In einem Vortrage, den er in diesem
Jahre an der Universität zu Stockholm über die Hydrographie und die Fischerei-
verhältnisse der skandinavischen Gewässer gehalten hat,‘) findet sich folgende
Stelle: „Ich habe erwähnt, dafs im Winter 1879 die Heringsfischerei im Skagerack
aufhörte infolge des Vordringens keilförmiger Lager von kaltem und schwach-
salzigem Ostseewasser, welches bis zum 11. Januar im Kattegat durch westliche
stürmische Winde zurückgehalten worden war, dann aber, als der Wind nach
Süden und Osten ging, nördlich zu strömen begann und am 18, Strömstad
(Distrikt Göteborg) erreichte. Die nächste Folge davon war das Verschwinden
des Herings, wie schon erwähnt; es knüpfte sich aber daran noch ein anderes,
höchst auffallendes Phänomen physikalischen Charakters.
Inter dem Einfluls der starken, zeitweise stürmischen südlichen und öst-
{lichen (Land-) Winde fiel die Lufttemperatur allmählich um 10 bis 11° und
beträchtlich unter den Gefrierpunkt, eine Abkühlung, die auch auf die Kattegat-
gewässer derart wirkte, dafs ihre Temperatur immer mehr sank; die an der
Oberfläche abgekühlten Partikelchen konnten aber den Meeresgrund nicht er-
reichen, da dort. zwar etwas wärmeres (Temperatur über 0°), aber salzigeres und
Jarum schwereres Wasser lagerte; sie bildeten also über dieser Grundschicht eine
Schicht, die bald bis zu ihrem Gefrierpunkt auf — 1,4° bis —1,8° ‚abgekühlt
war. Als nun später vom Kattegat her eine neue Zufuhr von zwar nicht ganz
30 kaltem (Temperatur — 0,8°), aber noch frischerem, d. h. sehr salzarmem
Wasser in Keilform in und über dies sehr kalte Wasser von — 1,4° Temperatur
yeführt wurde, mußte an der Grenzfläche beider Wasserarten durch die Berührung
mit dem Wasser von —1,4° C. eine plötzliche KEisbildung in dem zuletzt
hinzugekommenen Wasser stattfinden, da ja für letzteres der Gefrierpunkt höher
liegt. Das Wasser mit — 1,4° Temperatur wirkte dabei auf das überlagernde,
frische Wasser wie ein Kältemagazin, es nahm zugleich dessen latente Wärme
auf und beförderte so die Eisbildung an der Grenzfläche. Diese Grenzfläche lag
nach den Beobachtungen Ekmans Ende Januar 1879 in etwa 8m Tiefe. Von
ihr aus stieg das sogenannte „Grundeis‘“ auf, welches, wie aus dem Gesagten
hervorgeht, durchaus kein Grundeis war, sondern aus einer stark abgekühlten
Zwischenschicht des Küstenwassers stammte.
Wir haben also dreierlei Wasserschichten zu unterscheiden, die sehr
mächtige Grundschicht, welche, wie die Beobachtungen von 1879 ergeben, durch
celativ sehr warmes und sehr salziges Wasser. gebildet wird (Temperatur bis
+5,6° C, Salzgehalt bis über 33°/00), dann in etwa 10m "Tiefe eine sehr dünne
Zone kältesten und schwachsalzigen Wassers (Temperatur — 1,4°, Salzgehalt etwa
28%/00), darüber bis zur Oberfläche etwas wärmeres, aber sehr leichtes Wasser
(Temperatur — 0,8° bis -- 1°, Salzgehalt bis unter 22°/0o).
Die Art und Weise, in der sich diese KEisbildung an der Oberfläche
bemerklich macht, ist höchst eigenthümlich. Bei ruhigem und stillem Wasser
schiefsen plötzlich Eisschollen von Tellergröfse aus der Tiefe auf; jede Scholle
kommt mit der Kante zuerst empor und lagert sich dann platt auf dem Wasser;
in einer Stunde ist dann oft das Meer meilenweit, soweit man von der Küste
aus sehen kann, mit den Klumpen und Schollen dieses Eises bedeckt, in einer
Schicht von mehreren Fufs Dicke. Auf diesem Eis kann man nicht gehen, aber
auch nicht mit einem Fahrzeuge hindurchdringen, denn unter der Wirkung der
Strömung bildet sich schnell Packeis aus diesen einzelnen Schollen, Im Winter
1879 wurden mehrere Segler und Dampfer von diesem Eise eingeschlossen und
trieben längere Zeit steuerlos mit. der Strömung; alle Fischereigeräthe gingen
verloren.
1) Siehe Stockholm, Aftonbladet (ohne Datum) 1896.
Ann. d. Hydr. etc., 1897, Heft II