Neumayer: Zur Geschichte der Pendelbeobachtungen,
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Nahezu zur gleichen Zeit, zwischen den Jahren 1893 und 1895, wurden
in Amerika verificirte invariable Pendel zur Bestimmung der Schwerkraftskon-
stante benutzt, deren Ergebnisse übrigens zur Feststellung eines Endergebnisses
für Melbourne - wegen augenscheinlicher Fehler nicht herangezogen werden
können. Schliefslich sei noch erwähnt, dafs die Beobachtungen mit den
Sterneckschen Pendeln sich auf die von Oppolzer auf der Türkenschanze
bei Wien (Sternwarte) ausgeführten absoluten Bestimmungen beziehen, und dafs der
Werth Oppolzers im Vergleich mit anderen Bestimmungen ein hoher ist.) Aus den
Untersuchungen von Helmert geht hervor, dafs die bei absoluten Bestimmungen
vorkommenden Fehlerquellen der Art sind, dafs sie die Werthe verringern, so
daß wir. anzunehmen geneigt sind, dafs die Oppolzersche Bestimmung von
Fehlern möglichst frei ist.)
Allem Anschein nach sind die Relativ-Werthe nach Kew und Greenwich
als zu klein anzusehen, woraus sich wieder ergiebt, dafs das Gesammtmittel
keinen mafßsgebenden Werth hat; die obigen Angaben sind nur der Vollständigkeit
wegen hier angeführt.
In neuerer Zeit und namentlich seit den durch die Sterneckschen
Instrumente ermöglichten zahlreicheren Beobachtungen der Schwerkraftskonstante
wurde die Aufmerksamkeit der Geophysiker auf die Beziehungen des Werthes
derselben zu geologischen und erdmagnetischen Verhältnissen gelenkt. Man hatte
bald erkannt, dafs wir nun ein wichtiges Mittel gefunden hatten, welches ge-
stattete, den bezeichneten Beziehungen nachzuspüren, und zwar'auf Wegen, die
sonst als unzugänglich‘ erscheinen mußten. Es kann denn auch "heute keinem
Zweifel mehr unterliegen, dafs Pendelbeobachtungen, in dem neueren Sinne auf-
gefafst, nicht nur zur Bestimmung der Figur der Erde, sondern auch zu geo-
physikalischer Forschung überhaupt das vorzüglichste Mittel bieten, und dafs den-
selben in Zukunft ein hervorragender Platz in allen Forschungsreisen mit
höheren Zielen eingeräumt werden wird. °)
Zum Schlusse nur noch wenige Worte über die Betheiligung der Kriegs-
marinen der verschiedenen Nationen an den hier in Rede stehenden Beobachtungen,
Wir haben schon der Beobachtungen gedacht, welche von K.K. Kriegsschiffen auf
dem australischen Festlande ausgeführt worden sind, worüber nun das Nähere
in den soeben erschienenen Veröffentlichungen des Hydrographischen Amtes
in Pola enthalten ist.*)
Anknüpfend an das hier Gesagte soll nur noch auf die Bedeutung hinge-
wiesen werden, welche Pendelbeobachtungen, auf hoher See ausgeführt, für die
geophysikalische Forschung haben müssen, Erst wenn es gelungen sein wird,
i) Zusammenstellung der Pendellängen:
Aus Greenwich abgeleitet L = 992,76 mm
„ Kew abgeleitet . . . = 992,82 mm
Nach 3 Pendeln Elbleins .'. = 992,97 mm
Neumayer (absolute Best.) , . . = 992,92 mm
Das Mittel daraus ist L, == 992,86 mm
“ML, —LGreen.). .0.0000000000 4 04
"u. —LKew) 2000
LEI) 20.000000 te
LNeum.) 20.000000 44
Im Mittel sind die Differenzen — 0,008 mm.
Nach Helmert ist die Gravitationskonstante für die Breite von Melbourne;
go = 9,799890 m
Beob, Neumayer: g = 9.799607 m
4 (8% — gN) = + 0.000283 m
am welchen Betrag die Beobachtung kleiner ist als die theoretische Ableitung,
2) Unier Anderem niedergelegt in: „Eine Methode, bei Schweremessungen mit einem
schwingenden Pendel den Einflufs des Mitschwingens der Unterlage zu bestimmen“ von Dr.
R. Schumann, Astr. Nachrichten, B. 140, Seite 257 bis 262. „Der Einflufs der. Elasticität der
Pendel bei absoluten Schwerebestimmungen“ von F. R. Helmert, Astr. Nachrichten, B. 143, Seite
345 bis 354.
3) Siehe unter Anderem: „Die Erforschung der Intensität der Schwere im Zusammenhange
mit der Tektonik der Erdrinde als Gegenstand der gesammten Arbeit der Kulturvölker“ von
Helmert. Königl. Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen, Juni 1894,
4) Die Reise-Schweremessungen der K. u. K. Kriegsschiffe, Pola 1897,