536 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1897.
verschiedenen Orten der Erde vergleichbare Ergebnisse. Die theoretischen Unter-
suchungen über die Gestalt der Erde waren den technischen Hülfsmitteln früherer
Zeiten so weit vorausgeeilt, dafs die erhoffte Uebereinstimmung nicht erzielt
werden konnte. Da man jedoch den Grund für diese Differenzen nicht erkannte,
so erging man sich in den verschiedenartigsten theoretischen Spekulationen, um
das Experiment mit der Theorie in Einklang bringen zu können. Ich glaube in
dem, was ich Ihnen zu sagen haben werde, an einem schlagenden Bespiele die
so eben ausgesprochene Ansicht erhärten zu können, möchte aber, ehe ich daraur
des Näheren eingehe, noch einige weitere Betrachtungen hier folgen lassen,
Es ist nur billig, hier zu erwähnen, dass die berühmten, im Jahre 1854
von Airy ausgeführten „Beobachtungen in den Kohlenbergwerken von Harton
and deren Ergebnisse“ nicht unwesentlich dazu beitrugen, dafs man den Pendel-
beobachtungen wieder eine gröfsere Beachtung zuwandte.!) Diese Unter-
suchungen wurden mit der gröfsten Strenge durchgeführt und konnten in ihren
Ergebnissen um so weniger verfehlen, die Schärfe, welcher sie fähig sind, zu be-
leuchten, als sie, bis in das Einzelne gehend, der Oeffentlichkeit übergeben worden
sind. Es darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, dafs die Untersuchungen von
Peters, von welchen oben die Rede war, gleichfalls dazu beitrugen, das Interesse
an der Bestimmung der Länge des einfachen Sekundenpendels wach zu erhalten,
weil auch in diesem Falle eine genaue Darlegung der Methode der Beobachtung,
der Bestimmung der verschiedenen Faktoren und Konstanten des Instrumentes etc.
yegeben wurde, wie dies die im Jahre 1855, also etwa um dieselbe Zeit, wie die
en Sr chung der englischen Experimente, herausgegebene Abhandlung nach-
weist.
Als ich mich im Jahre 1856 zu einer wissenschaftlichen Reise nach
Australien rüstete, war es Prof. Peters, der mit dem ganzen Nachdruck seiner
wissenschaftlichen Ueberzeugung mir die Nothwendigkeit von Pendelbestimmungen
zu Zwecken der Ermittelung der Schwerkraftskonstante, bezw. der Gestalt un-
serer Erde anempfahl und mich darauf aufmerksam machte, dafs es namentlich
in der südlichen Hemisphäre an genauen Bestimmungen dieser Art fehlte und —
ohne Ergänzung dieser Lücken — an einen erheblichen Fortschritt nicht zu
denken sei. So reifte in mir der Entschlufs, unerachtet des geringen Ansehens,
dessen sich Pendelbeobachtungen damals in wissenschaftlichen Kreisen zu erfreuen
hatten, solche in das Arbeitsprogramm, welches ich mir für meinen Aufenthalt
auf dem australischen Kontinente entworfen hatte, aufzunehmen. Es schien dies
um so wichtiger, als auf dem australischen Festlande überhaupt nur eine Bestim-
mung jemals ausgeführt worden war, und zwar eine von dem bekannten, im
Jahre 1862 verstorbenen Direktor der Sternwarte in Hamburg, Charles
Rümker in Paramatta, im Jahre 1827%, wenn man absieht von einer Bestim-
mung der Pendellänge auf relativem Wege in Port Jackson, also in unmittel-
yarer Nähe von Paramatta, welche durch Freycinet beobachtet wurde, aber er-
bebliche Differenzen gegen erstere zeigte. Was die Bedeutung einer erneuten
Bestimmung noch erhöhen mulste, war der Umstand, dafs nach den Unter-
suchungen Airys die Pendelbestimmung in Paramatta die Pendellänge ‚gegen die
Theorie um 0,00428 engl. Zoll zu klein, dagegen in Port Jackson um 0,00023
engl. Zoll gröfser ergab, als es die Theorie erheischte.*) Zu erwähnen ist je-
doch, dafs beide Beobachtungsreihen von dem ‚berühmten Verfasser ihrem Werthe
nach in die erste Klasse eingereiht worden sind.
Nach eingehenden Erwägungen aller Umstände war es bei mir beschlossene
Sache, in Melbourne, wo ein Observatorium für die Physik der Erde zu errichten
war, eine möglichst genaue Bestimmung der Schwerkraftskonstante so bald als
4) Account of pendulum experiments undertaken in the Harton Colliery to determine the
mean density of the earth by G. B. Airy Esqa. (From the Philosoph, "Transactions Part, I for
1856. London.)
2) „Bestimmung der Länge des einfachen Sekundenpendels auf dem Schlosse Güldenstein
aus den von Schumacher in den Jahren 1829 und 1830 ausgeführten Beubachtungen“ von Prof,
Dr. ©. A. FF. Peters. Altona, 18555.
3) Philosoph. Transactions of the Royal Society, London, 1829, Part III, Seite 151, und
Memoirs of the Astronomical Society of Lundon, Vol, III 1829. Observations for determining the
absolute Length of the Pendulum vibrating seconds at Paramatta, according to Bordas Method
by Ch. Rümker.
4) Siehe Airys Abhandlung „The- Eneyelopaedia of Astronemy,* - -