Neumayer: Zur Geschichte der Pendelbeobachtungen,
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Zur Geschichte der Pendelbeobachtungen.
Ein Vortrag, gehalten in der „Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Aerzte“, geodätisch-
yeographische Abtheilung, im September 1897, von Dr. Neumayer.
Nachdem zu Ende des zweiten Decenniums dieses Jahrhunderts die klas-
sischen Beobachtungen über die Länge des einfachen Sekundenpendels in London
von Kater mit Umsicht ausgeführt worden waren und Bessel Mitte der ‚zwan-
ziger Jahre durch seine berühmten Beobachtungen über die Länge des einfachen
Sekundenpendels in Königsberg und Berlin gezeigt hatte, welcher Präcision Be-
stimmungen dieser Art fähig sind, trat eine erhebliche Lücke in Pendelbeob-
achtungen ein; es geriethen dieselben sogar in gewissem Sinne in Vergessenheit oder
vielmehr genossen sie wenig Vertrauen. Es ist höchst interessant, den Ursachen dieser
Erschlaffung in der Begeisterung für die Ausübung der Bestimmung, damals nahezu
der einzigen, für die Schwerkraftskonstante, nachzuspüren, damit man den eigent-
lichen Grund des Mifstrauens in diese Bestimmungen erkenne. Zwar wurden im
Laufe. der Zeit noch immer Pendelbeobachtungen zu Zwecken der Bestimmung
der Figur unserer Erde ausgeführt, so unter Anderen: von Sabine im hohen
Norden und in Greenwich, von Foster in Port Bowen (73° 14’ N-Br), Biot,
Duperrey, Freycinet in verschiedenen Theilen der Erde. Allein, sollten die
Resultate dieser Messungen den Berechnungen über die Figur der Erde zu Grunde
gelegt werden, so stellten sich Differenzen heraus, deren Erklärung nach dem
damaligen Stande der Wissenschaft nicht gegeben werden konnte. Eine höchst
verdienstrolle Arbeit, welche in der „Encyclopaedia of Astronomy“, heraus-
gegeben‘ von Barlow, Kater, Herschel und Airy, und von Letzterem verfafst,
erschienen ist, strebt die Beleuchtung des Werthes der verschiedenen Reihen von
Pendelbeobachtungen an und scheidet die um jene Zeit, August 1830, bekannt
yewordenen Resultate in verschiedene Gruppen, je nach ihrer Zuverlässigkeit.
Man erkennt daraus sofort, dafs es unmöglich ist, mit Bestimmtheit die Kriterien
der verschiedenen Werthklassen zu geben, obgleich der berühmte Verfasser die
Ergebnisse für jede einzelne der Gruppen mit dem durch die Theorie gegebenen
Werthe vergleicht. Es ist einleuchtend, dafs dieser kritischen Untersuchung ein
Zweifel an der Zuverlässigkeit der einzelnen Ergebnisse zu Grunde lag, allein
es ist ebenso einleuchtend, dafs ohne festere Basis der Scheidung eine gewisse
Willkürlichkeit anhaften mufste, was um so weniger zu umgehen war, da nicht
in ‚einem jeden Falle die vollständige Reihe der Beobachtungen vorlag. Die
Wirkung einer Untersuchung dieser Art mulste mit Nothwendigkeit dahin führen,
dafs den Pendelbeobachtungen zur Bestimmung der Figur unserer Erde das Ver-
trauen entzogen wurde, wovon wiederum die Folge war, dafs Pendelbeobach-
tungen mehr und mehr aus dem Programm der Reisenden oder der wissenschaft-
lichen Expeditionen verschwanden. In der Geodäsie wendete man sich dagegen
mit erneutem Eifer zu Zwecken der Bestimmung der Figur der Erde der Messung
von Meridiangraden zu. Es darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, dafs der grofse
Bessel nicht in seinem Eifer für die Bestimmung der Schwerkraftskonstante
erlahmte und in dem Zeitraume von 1826 bis 1837 drei Abhandlungen über Be-
stimmung der Länge des einfachen Sekundenpendels herausgab, welche sämmtlich
den hohen Grad von Genauigkeit, der erzielt werden konnte mittelst Pendel-
heobachtungen, nachwies, was aber Alles nicht verhinderte, dafs das einmal diesen
Bestimmungen anhaftende Mifstrauen bestehen blieb. Selbst so vorzügliche
Beobachtungen wie die von C. A. F. Peters (dem Aelteren), die in den Jahren
1829 und 1830 unter der Direktion von Schumacher ausgeführt wurden und
eine vollkommene innere Uebereinstimmung zeigten, vermochten nicht den einmal
diesen Beobachtungen anhaftenden Mangel zu heben durch die Darlegung der
Gründe der möglichen Differenzen mit der Theorie. Nach den in neuerer Zeit
gewonnenen Erfahrungen kann es keinem Zweifel unterliegen, dafs der wesent-
liche Grund für den Mangel an Uebereiustimnmung des Ergebnisses des Kxperi-
mentes und der Theorie darin zu suchen ist, dafs die Mafsstäbe, welche bei
den absoluten Bestimmungen der Pendellänge benutzt worden sind, unter ein-
ander nicht verglichen wurden und vielleicht auch nicht vergleichbar waren. Bei
Bestimmung mit invariabeln Pendeln erhielt man dagegen auf relativem Wege von