Ann. d. Hydr. ete., XXV. Jahrg. (1897), Heft XI.
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Reise von Wusung über Tshangtau nach Tinghal.
Kommando S. M. S. „Kaiser“, Kapt. z. S. ZEYE. Juni 1897,
1. Reise von Wusung nach Tshangtau.
S. M. S, „Kaiser“ verliefßs Wusung am 15. Juni 9* 45”a und ankerte in
Tshangtau am selben Tage 747° p.
a) Wind und Wetter. Das Wetter war während des 15. Juni durch-
weg gut, heiter. und sichtig. Das Barometer stand auf normaler Höhe von
durchschnittlich 756,0 mm. Der Wind wehte aus südlicher Richtung‘ in
Stärke 2 bis 3.
b) Stromverhältnisse. Auf der Aufsenrhede von Wusung im Yangtse,
nördlich von der Wusung Spit- Boje, wurde durch mehrtägige Beobachtungen
kurz vor und nach Vollmond ein Ebbstrom von durchschnittlich 2,1 Sm, ein
Fluthstrom von 1,6 Sm gemessen. Der stärkste gemessene KEbbstrom zwei
Stunden nach Einsetzen der Ebbe war 3,1 Sm, der stärkste gemessene Fluth-
strom in der dritten Stunde der Fluth 1,8 Sm. Die Ebbe lief durchschnittlich
7 bis 8 Stunden, die Fluth 4 bis 5 Stunden.
Der Strom im Yangtse bis zum Feuerschiff „Tungsha“ entsprach den
Segelanweisungen. Das Schiff verließs die Rhede von Wusung genau zur Zeit
als dort der Fluthstrom einzusetzen began, etwa zwei Stunden vor Hochwasser
bei Tungsha. Diese Zeit wird von den Lootsen allgemein als die beste Zeit für
das Passiren der Barre angegeben, falls das Schiff eine Fahrt von 11 Sm inne-
halten kann.
Bis Tungsha wurde keine geringere Tiefe als 9 m gelothet. Auf ‘der
Aufsenbarre hätte zur Zeit des Passirens S. M. S. „Kaiser“ starker Nordstrom
setzen müssen, der zweiten Stunde der Ebbe entsprechend. Es wurde ‘mit
Rücksicht hierauf auch der Kurs gut südlich, frei von der Ansteuerboje, ab-
gesetzt. Nach Angabe des Lootsen, der bereits innerhalb Tungsha von Bord
gegangen war, hätte das Schiff auf der äußeren Barre nicht unter 9 m Wasser
treffen dürfen; in Wirklichkeit wurden aber auf einer Strecke von etwa 4 Sm
Länge Wassertiefen von nur 8 m gelothet. Aufserdem wurde das Schiff nicht
nach Norden, sondern, wenn auch nicht sehr stark, nach Süden gesetzt, trotzdem
zahlreiche verankerte Dschunken bewiesen, dals an der Oberfläche jedenfalls
starker nördlicher Strom lief. Die einzige Erklärung für diese auffallende,
durch verschiedene Peilungen und Abstandsbestimmungen festgelegte Thatsache
mufßs in einem starken, südlich setzenden Unterstrom gesucht werden, der um so
wirksamer war, als das Schiff, bei einem Tiefgang gleich der Wassertiefe, die
yanze Tiefe des Flußbettes ausfüllte. ‘Flacher gehende Schiffe werden von einem
solchen Unterstrom naturgemäfßs nichts bemerken können, und es ist auf diesen
Umstand vielleicht zurückzuführen, dafs von dem wenigstens zeitweisen Bestehen
eines solchen Unterstromes in den Segelanweisungen und Karten bisher nichts
verzeichnet ist, Für tiefgehende Schiffe, die unter Umständen bei fallendem
Wasser die Barren des Yangtse zu passiren gezwungen sind, ist mithin, besonders
bei Nacht, die gröfste Vorsicht geboten, zumal das Passiren der äufseren Barre
noch dadurch erschwert wird, dafs genaue Peilungen von Landobjekten bei der
grofsen Entfernung derselben nur bei sichtigem Wetter zu erlangen sind, und
man gezwungen ist, die Ansteuerboje als Peilobjekt zu benutzen. Dieselbe liegt
aber nach den an Bord S. M, S. „Kaiser“ bereits früher gemachten und jetzt
wiederum bestätigten Erfahrungen etwas nördlicher als in der Karte Tit. XI,
No. 74 (Brit. Adm.-Karte No, 1602), angegeben ist.
In der Bouham - Strafse und in der Durchfahrt zwischen Hobson- und
Balfour-Insel entsprachen die Stromverhältnisse den Segelanweisungen.
Auf dem Ankerplatz vor der Nordeinfahrt im Tshangtau- Hafen wurden
von der Karte stark abweichende Stromverhältnisse konstatirt. In der Karte
Tit. XI, No. 60) (Brit. Adm. - Karte No. 1124), ist gerade für die Stelle, auf
Ann. d. Hydr. ete.. 1897. Heft XL