zan Bebbher: Die Hauptwetterlagen in Europa,
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Die Witterungserscheinungen inserer Gegenden. und ihre Aufeinanderfolgen
sind so außerordentlich mannigfaltig, dafs die Auffindung solcher Fälle, welche
in ihrer Erscheinung und in ihrem Verlaufe auf gröfserem, ja auch auf kleinerem
Gebiete völlig identisch sind, kaum möglich ist, so dafs wir uns vergebens
bemühen, aus den Tausenden von Fällen einen einzigen herauszufinden, welcher
einem anderen vollkommen gleich ist. Sehen wir ganz ab von den Vorgängen
in den oberen Luftschichten, welche uns ja nur in beschränktem Mafse zugänglich
sind, so zeigen sich in. dem der Erdoberfläche unmittelbar aufliegenden Theile
unserer Atmosphäre so viele Verschiedenheiten, insbesondere in der Vertheilung des
Luftdruckes, der Wärme und der Feuchtigkeit, so viele verschiedene Umwandlungen
dieser Elemente, dafs wir den Eindruck des Regellosen und Launenhaften in den
atmosphärischen. Vorgängen erhalten. .
Wenn man sich aber längere Zeit mit den Wetterkarten beschäftigt, so
wird man nach und nach inne, daßs gewisse Wetterlagen häufiger wiederkehren,
welche unter sich eine grofse Aehnlichkeit besitzen und auch ganz ähnliche
Witterungserscheinungen hervorrufen, wobei eine ausgesprochene jährliche Periode
sich deutlich ausprägt. Diese unter sich ähnlichen Wetterlagen, welche wir im
Folgenden näher untersuchen wollen, lassen sich je nach der Lage der Hoch-
druckgebiete und der Depressionen in verschiedene Klassen eintheilen, welche
wir mit dem Namen „Wettertypen“ bezeichnen wollen.
Die Witterung unserer Gegenden wird durch die Wechselwirkung der
Hochdruckgebiete und der Depressionen beherrscht, ihr Charakter wird durch
die gegenseitige Lage dieser Gebilde bedingt, so dafs bei ähnlicher Lage auch
ähnliche Witterungserscheinungen sich zeigen. Ich unterscheide fünf Haupt-
wetterlagen oder Hauptwettertypen, welche.sich leicht dem Gedächtnisse ein-
prägen und welche für die Witterung Deutschlands und dessen Umgebung malfs-
gebend sind, und zwar:
I. Hochdruckgebiet im Westen Europas (etwa über den Britischen
Inseln und deren Nachbarschaft), Depressionen über den östlicher gelegenen
Gegenden. w
Il. Hochdruckgebiet über Centraleuropa (speciell über Deutschland),
Depressionen erst in gröfserer Entfernung.
IHN. Hochdruckgebietüber Nord- oder Nordosteuropa, Depressionen
auf der Südseite des Hochdruckgebietes (am häufigsten über dem Mittelmeergebiete
oder der Biscaya-See). 2
=. IV. Hochdruckgebiet über Ost- oder Südosteuropa, Depressionen
im Westen.
.V. Hochdruckgebiet über Süd- oder Südwesteuropa, Depressionen
in nördlicheren Gegenden.
Zur Untersuchung der Häufigkeit, der Aufeinanderfolge und des Verhaltens
dieser Wettertypen wurden die Wetterkarten der Seewarte von 8 Uhr morgens
aus dem Zeitraume 1886 bis 1895 zu Grunde gelegt und diese nach den fünf.
Hauptwetterlagen gruppirt. Dabei wurde jede der oben angegebenen Wetter-
typen der Vergleichung wegen in zwei Typen zerlegt (also I. in W und NW,
IL:in N und NE, IV. in E und SE, V. in S und SW). Es ergaben sich im
Ganzen 3652 Einzelfälle, welche nach den Hauptwettertypen gruppirt wurden.
Diese Einordnung gelang in fast allen Fällen; nur in einigen wenigen, in welchen
diese Einordnung zweifelhaft erschien, wurde die Hauptgruppe gewählt, welche
in Bezug auf die Witterung Deutschlands am meisten entscheidend war.
Es wird nun zunächst meine Aufgabe sein,. die einzelnen Hauptwettertypen
hier vorzuführen, wobei auch die, Jahreszeit berücksichtigt werden muß. Als
Repräsentanten habe ich Wetterkarten aus jüngstverflossener Zeit gewählt.
I. Betrachten wir zuerst die Wetterkarte vom 29. November 1896 8 Uhr
abends, welche den ersten Hauptwettertypus repräsentiren soll.
Ein Hochdruckgebiet über 770 mm erstreckt sich vom hohen Nordwesten
südostwärts nach der Alpengegend mit einem Maximum über.dem Nordsee-
gebiete, während im hohen Norden sowie über Osteuropa der Luftdruck am
niedrigsten ist. Dieser Luftdruckvertheilung entsprechend, setzt sich ein breiter
Luftstrom, den hohen Luftdruck zur Rechten, den niedrigen Luftdruck zur Linken
liegend lassend, aus dem hohen Nordwesten nach unseren Gegenden in Bewegung,
südostwärts bis zur Balkan-Halbinsel vordringend und in der Alpengegend, an-