von Hasenkamp: Die Farbe der natürlichen Gewässer.
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das dem‘ Durchgang der weniger brechbaren Strahlen nur geringen Widerstand
bietet, während es die brechbareren Strahlen reflektirt und theilweise auslöscht.
Betrachtet man eine weifse Lichtquelle durch ein solches Medium, so erhält man
den Eindruck eines mehr oder weniger orange gefärbten Gelb, während das
reflektirte Licht bläulich erscheint. Diese optischen Erscheinungen hängen durch-
aus nicht von der chemischen Natur der Färbung ab; kohlensaurer Kalk, Thon,
Kieselerde ergaben dasselbe Resultat. .
Enthält nun ein Gewässer solche Theile suspendirt, so wird es um so
mehr grün, ja selbst gelblich erscheinen, je größer die Menge der Trübung ist;
das durchgelassene Licht wird aus dem dem Wasser eigenthümlichen Blau und
dem Orangegelb der Trübung zusammengesetzt sein. Kine Menge‘ der ver-
schiedensten Nuancen sind so möglich vom Blau bis zum mehr oder. minder
dunkeln Braun durch alle Schattirungen des Grün hindurch. Das durch die
Reflexion an den Theilchen entstandene Blau wird sich zu dem Blau des Wassers
gesellen, aber da seine Intensität bei Weitem nicht hinreicht, das Orangegelb
des durchgelassenen Lichtes zu kompensiren, so wird sein Einflufs nur unbedeutend
sein können. .
Spring stützt diese Ansicht durch folgende Versuche: Fünf Liter reines
blaues Wasser wurden mit einigen Grammen., eisenfreien Kalks behandelt. Das
so erhaltene, nach fünf Tagen völlig klare Kalkwasser wurde mit einer wässerigen
Kohlensäurelösung bis zur Bildung eines kaum sichtbaren Niederschlages versetzt.
In das 5 m lange Beobachtungsrohr gegossen, zeigte sich die Flüssigkeit voll-
kommen undurchsichtig. MLiels man einen Kohlensäurestrom wiederholt ein-
wirken, so verschwand die anfängliche Undurchsichtigkeit, um zuerst ein braunes,
dann ein hellbraunes, gelbes, grünes und endlich nach einer 18stündigen Kin-
wirkung ein blaues Licht mit einem Stich in Grün hindurchgehen zu lassen,
Zur Anstellung eines Gegenversuches wurde eine gesättigte Lösung von
doppeltkohlensaurem Kalk und Kohlensäure in reinem Wasser benutzt, die in
einer Schicht von 5m Dicke eine grüne Farbe zeigte. Sie wurde unter die
Glocke der Luftpumpe gebracht, um eine gewisse Menge Kohlensäure auszu-
treiben und dann wieder im Rohr untersucht; dies Verfahren ergab bei mehr-
maliger Wiederholung eine Zunahme der Gelbfärbung; das Grün verschwand bald,
und schliefslich wurde die Lösung undurchsichtig. Genau in derselben Weise
verhielt sich Barytwasser, dem eine oder zwei Blasen Kohlensäure zugefügt
waren und das ebenso behandelt wurde. Ein dritter Versuch wurde mit einer
Lösung von Natriumsilikat angestellt, das etwas freie Kieselerde enthielt; sie
war undurchsichtig bei einer Dicke von 5m; bei 1m war sie bräunlich-gelb,
Bei Zusatz von Aetznatron löste sich die Kieselerde, und in demselben Mafse
verschwand die gelbe Farbe.
Endlich zeigte sich reines Wasser, das einen leichten Schleier von noch
nicht krystallisirtem Chlorsilber suspendirt enthielt, undurchsichtig oder gelb, je
nach der Dicke der Schicht; ein Zusatz von Ammoniak, das bekanntlich das
Silberchlorid löst, beseitigte die Undurchsichtigkeit oder die gelbe Färbung. Um
dem naheliegenden Einwand zu begegnen, dafs die grünliche Färbung des trüben
Mediums mit dem Absetzen der suspendirten 'l’heilchen verschwinden müsse,
stellte Spring folgende Versuche an: Trübes Kalkwasser wurde 17 Tage in
dem Beobachtungsrohr sich selbst überlassen; nach kurzer Zeit konnte man das
Absetzen der Trübung in der anfangs undurchsichtigen Flüssigkeit verfolgen; sie
wurde mehr und mehr grün und blieb es auch dann, als sie nach zwölf Tagen schon
so klar geworden war, dafs man einen leichten Bleistiftstrich auf einem Blatt
Papier durch sie hindurch erkennen konnte. Man hatte also eine Lösung von
Kalk ohne eigentliche Suspension fester Theilchen, und doch blieb hinreichend
Gelb übrig, um mit dem Blau des Wassers Grün zu geben. Ganz ebenso verhielt
sich Wasser, das durch Calcium- oder Baryumbicarbonat getrübt war.
Es folgt daraus der wichtige Schlufs, dafs auch gesättigte Lösungen, in
denen sich ein Niederschlag erst zu bilden beginnt, dem Durchgange der brech-
bareren Strahlen Widerstand entgegensetzen. Man könnte also nach Analogie von
Tyndalls „nascenten“ Wolken hier von einem nascenten Niederschlag sprechen.
Zur Prüfung dieser Ansicht wurde eine gesättigte Lösung von eisenfreiem
Chlorcaleium in das Rohr gebracht, wo sie eine schöne grünlich-gelbe Färbung
zeigte, die sich bei Verdünnung oder Verringerung der Dicke der Schicht mehr