vön Hasenkamp: Die Farbe der natürlichen Gewässer.
In der That müßte der Lichtkegel, wenn es &ich um eine Diffusion des
Lichtes handelte, nicht nur sichtbar sein, sondern auch eine deutlich blaue Färbung
zeigen, wenn man ihn von der Seite beobachtet; beides war nicht der Fall.
Ferner hätte das in der Richtung der Axe hindurchgelassene Licht von röthlich-
gelber Farbe sein müssen, wenn die Reflexionserscheinung, .die das Blau des
Himmels hervorbringt, sich hier in merklicher Stärke gezeigt hätte, da ja in
diesem Falle das Blau in einer zur Axe senkrechten Richtung zurückgeworfen
wäre. Man mulfs also schliefsen, daß das reine Wasser an sich: blau ist, und dafs
die Diffasionserscheinung, ‚wenn sie überhaupt stattfindet, keine merkliche Wirkung
hat. .Um sich keiner Täuschung über die Wichtigkeit der Rolle hinzugeben, die
die Diffusion bei der Färbung der natürlichen Wasserarten spielt, wurde folgender
Gegenversuch angestellt. Ist die blaue Farbe des Wassers durch fremde, aus
der Luft stammende Substanzen bedingt, so mulfs eine jede Flüssigkeit, die in
derselben Weise wie das Wasser behandelt worden ist, eine blaue.Farbe zeigen.
In einem Glasapparat wurden nun 51 Amylalkohol mehrere Wochen destillirt
und geschüttelt, um ‚sie soviel als möglich mikroskopische Staubtheilchen auf-
nehmen zu lassen. Nach der Tyndallschen Methode geprüft, zeigte sich die
Flüssigkeit erhellt, ein sicherer Beweis, dafs sie trotz ihrer anscheinend voll-
kommenen Klarheit heterogene Theilchen suspendirt enthielt; aber in dem Glas-
rohr von 5m Länge zeigte sie keine Spur von Färbung. Man mufs daraus
schließen, . daß. die durch die Diffusion bedingten Färbungserscheinungen keine
grofe Intensität .haben. Die Farbe des Wassers ist also nicht durch die Diffusion
des Lichtes an heterogenen Theilchen hervorgerufen, sondern sie beruht auf der
Absorption der weniger brechbaren Strahlen des Spektrums,
Von dem gewonnenen Standpunkte aus erklären sich nun leicht alle
Färbungserscheinungen der blauen Gewässer, nämlich die blaue Farbe der tiefen
Stellen, die grünliche: der weniger tiefen, die verschiedenen Nuancen des Blau
verschiedener Gewässer, die Veränderung des Blau mit der Stärke der Beleuchtung
und der Bewegung des Wassers. © en
Wäre nämlich das Wasser optisch leer, so mülfsten uns die tiefen Regionen
vollkommen schwarz erscheinen. Nun haben aber Tyndall und namentlich Soret
nachgewiesen, dafs keines der von ihnen untersuchten Gewässer als optisch leer
angesehen werden kann. Das einfallende weiße Licht wird von Partikeln
reflektirt, die das Wasser immer suspendirt enthält, wobei die weniger brechbaren
Strahlen absorbirt werden und das heraustretende Licht blau wird. Ferner
können die suspendirten Theilchen mehr oder weniger zahlreich sein in ver-
schiedenen Meeren, verschiedenen Seen, ja sogar an verschiedenen Stellen des-
selben Gewässers. Sind die Theilchen verhältnilmäfßsig zahlreich, so wird ein
einfallender Strahl ‚nur einen kurzen Weg zurücklegen, bis er reflektirt wird,
and das Blau wird wenig gesättigt erscheinen. Im anderen Falle wird der Weg
des Strahles länger sein, das Blau erscheint gesättigter, selbst dunkler.
An gewissen Stellen des Ufers eines Gewässers wird die Erscheinung
komplicirter. Das ausstrahlende Licht wird ein weniger gesättigtes Blau zeigen,
selbst wenn. der Boden weils ist; in der dünneren Wasserschicht werden die
weniger brechbaren Strahlen nicht vollkommen ausgelöscht erscheinen, und das
zurückgeworfene Licht erhält eine grünliche Färbung. Es giebt übrigens noch
andere Umstände, die die blaue Farbe des Wassers in Grün umwandeln; es wird
davon später die Rede sein,
Spring weist ferner darauf hin, daß die Erklärung der Färbungs-
erscheinungen des Wassers nicht ausschließlich eine physikalische sein kann,
sondern . dafs sie auch ein psychologisches Moment enthält, insofern nach dem
bekannten Weberschen psychophysischen Gesetz die Empfindung einer Farbe
schwächer. wird. oder ganz verschwindet, wenn das Auge durch andere Farben
oder auch durch das weiße Licht stark gereizt wird. An einem heiteren sonnigen
Tage wird daher die Empfindung des. Blau weniger lebhaft sein, das Wasser
wird mehr weifslich erscheinen. Die zu den verschiedenen Tagesstunden oder
bei mehr oder weniger bedecktem Himmel beobachteten Erscheinungen sind also
das Ergebnifs gleichzeitiger psychischer und physischer Vorgänge.
. Auch der Zustand der Ruhe oder der Bewegung der Oberfläche modificirt,
namentlich bei heiterem Wetter, die Wahrnehmung der blauen Farbe. Für einen
yegebenen Standpunkt des Beobachters haben die Wellen der Oberfläche jede
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