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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 25 (1897)

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Annalen der Hydrographie und Maıitimen Meteorologie, Oktober 1897. 
Diese Ergebnisse Tyndalls veranlafsten Soret zu der Frage, ob nicht 
die blaue Farbe des Genfer Sees einen ähnlichen Ursprung habe wie die des 
Himmels. Er senkte an einem sonnigen Tage bei vollkommen glatter Oberfläche 
des Sees ein unten mit einer Glasplatte verschlossenes Rohr in das Wasser an 
einer Stelle, wo der See so tief war, dafs kein Licht vom Boden mehr zurück- 
geworfen werden konnte. Bei Untersuchung mit einem Nicolschen Prisma fand 
er das Licht je nach der Stellung des Rohres mehr oder weniger polarisirt; bei 
einer auf der Richtung der gebrochenen Strahlen senkrechten Stellung des Rohres 
erreichte die Polarisation ein Maximum, von dem aus sie nach beiden Seiten ab- 
nahm. Die Erscheinung ist also ganz analog der atmosphärischen Polarisation, 
so dafs Soret die Gegenwart äufserst feiner durchsichtiger Theilchen im Wasser 
annimmt, auf die der Ursprung der blauen Farbe zurückzuführen wäre. Hagen- 
bach hat später diese Versuche auf dem Vierwaldstätter- und dem Züricher See 
wiederholt und das gefundene Ergebnifs bestätigt; es ist dies um so interessanter, 
als die beiden eben genannten Seen von grüner, nicht von blauer Farbe, wie 
der Genfer See, sind. 
Die Frage nach der Farbe des Wassers ist durch diese Untersuchungen 
wieder komplicirt worden. Durch den Nachweis, daß sie durch eine Reflexions- 
arscheinung hervorgerufen werden kann, wurde die Richtigkeit des Schlusses von 
Bunsen, dafs das Wasser eine an sich blaue Substanz sei, wieder in Zweifel 
zezogen. Dieser Zweifel erschien um so mehr begründet, als Tyndall im 
weiteren Verlauf seiner Untersuchungen zeigte, dafs keine der von ihm geprüften 
natürlichen Wasserarten „uptisch leer“ ist. Man konnte also im Zweifel sein, 
5b die Farbe des Wassers nicht durch die Reflexion hervorgerufen und ob das 
von Bunsen benutzte Wasser optisch leer gewesen sei, zumal da man zur Zeit, 
als dieser seinen Versuch anstellte, noch nicht die grofsen Schwierigkeiten kannte, 
mit denen die Darstellung eines absolut reinen Wassers verbunden ist. 
Es war also immer noch eine offene Frage, ob das reine Wasser farblos 
ist oder nicht und ob im letzteren Falle seine Farbe die blaue oder die grüne 
ist. Die Beantwortung dieser Frage wurde im Jahre 1883 von dem belgischen 
Chemiker Spring!) unternommen. Er zeigte in einer sehr scharfsinnig durch- 
zeführten Experimentaluntersuchung, dafs reines, mit der gröfsten Sorgfalt und 
ınter Beobachtung aller erdenklichen Vorsichtsmafsregeln nach der Methode von 
Stas?) destillirtes Wasser im durchfallenden Lichte in einer 5 m langen Röhre 
eine bleibende himmelblaue Färbung aufweist, während sich gewöhnliches destillirtes 
Wasser nach einigen Tagen in der Röhre grün färbt. Er führt diese Veränderung 
auf das Vorhandensein kleinster, aus der umgebenden Luft stammender Lebe- 
wesen zurück, eine Ansicht, die er durch den folgenden Versuch unterstützt. 
Ein Rohr von 5 m Länge wurde mit gewöhnlichem destillirten Wasser gefüllt; 
las durchgelassene Licht war blau. Ein ähnliches Rohr wurde mit demselben 
Wasser gefüllt, dem eine sehr geringe Menge Sublimat zugesetzt war, die die 
Farbe gänzlich ungeändert liefs. Nach sechs Tagen war das Wasser des ersten 
Rohres grün geworden, während das im zweiten Rohre enthaltene selbst nach 
drei Wochen noch keine Veränderung zeigte, Wurde das grün gewordene Wasser 
mit Sublimat versetzt, so beobachtete man schon nach drei Tagen eine langsame 
Rückkehr zur blauen Farbe; nach neun Tagen etwa trat ein Stillstand ein, das 
Wasser war deutlich bläulich-grün geworden, kehrte aber nicht zum reinen Blau 
zurück. Da das Sublimat eine der giftigsten Substanzen ist, die wir kennen, 
namentlich für kleine Organismen, so liegt allerdings der Schlufs nahe, dafs sich 
selbst im destillirten Wasser lebende Wesen und natürlich auch die für ihre 
Entwickelung nöthigen Nahrungsstoffe finden. Das vollkommen reine, nach der 
oben erwähnten Methode dargestellte Wasser zeigte, wie schon bemerkt, eine 
reine himmelblaue Färbung, die sich selbst nach mehrwöchigem Aufenthalt in 
dem Rohre nicht änderte. Es erwies sich als fast vollkommen optisch leer; der 
Lichtkegel einer Magnesiumlampe war darin kaum sichtbar, so dafs schon aus 
diesem Grunde eine Entstehung der blauen Farbe durch Reflexion sehr unwahr- 
scheinlich war; im Gegentheil sprechen alle Gründe dafür, dafs wir es hier mit 
einer Absorptionserscheinung zu thun haben. 
‘) Bulletin de l’Academie royale de Belgique, 3. ser., t., V, S. 55. La couleur des eaux, 
!) Memoires de l’Academie rovale de Belgique, t, XXXV, S. 110.
	        
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