von Hasenkamp: Die Farbe der natürlichen Gewässer.
noch herrscht keine vollkommene Uebereinstimmung unter den Forschern auf
diesem interessanten Gebiete. .
Die älteren Beobachter waren ohne Ausnahme der Ansicht, dafs das
Wasser die Strahlen von gröfserer Brechbarkeit reflektire, dagegen die von
geringerer hindurchgehen lasse, eine Ansicht, die, wie es scheint, zuerst von
Newton!) aus einem Versuche Halleys abgeleitet worden ist. Dieser sah an einem
sonnigen Tage in einer Taucherglocke seine von der Sonne theilweise beleuchtete
Hand rosenroth gefärbt, während ihr unterer, im Schatten befindlicher Theil grün er-
schien. Doch folgt aus dieser Beobachtung nicht nothwendig die von Newton auf-
gestellte Ansicht. Beetz?) hat eine andere Erklärung gegeben, indem er bemerkt,
dafs das direkte Sonnenlicht eine weit weniger mächtige Wasserschicht durchlaufen
hatte als das aus der Tiefe reflektirte und sich daher bedeutend mehr der weifsen
Farbe näherte als dieses. Durch Kontrastwirkung mußte dann der von der Sonne
bestrahlte Theil in der Komplementärfarbe von grün, also roth, erscheinen.
Aehnlicher Ansicht wie Newton war Graf Xavier de Maistre,°) während
Arago*) glaubte, nicht die gelben, sondern die grünen Strahlen würden hindurch-
gelassen, eine Meinung, die auch noch von Melloni®) vertreten worden ist,
während die späteren Forscher nicht mehr der Ansicht sind, dafs das reflektirte
und das durchgelassene Licht verschiedene Farbe haben; sie suchen die ver-
schiedenen Färbungen des Wassers auf andere Ursachen zurückzuführen.
A. Davy®) scheint der Erste gewesen zu sein, der dem reinen. Wasser
eine blaue Farbe zuschrieb und der die grünen und gelblichen Färbungen auf
die Gegenwart organischer, und zwar pflanzlicher Zersetzungsstoffe zurückführte ;
aber Bunsen”‘) hat zuerst in experimenteller Weise nachgewiesen, dafs die Farbe
des reinen Wassers blau ist. Er füllte eine 2 m lange, innen geschwärzte Glas-
röhre, deren Boden einige weile Porzellanstücke trug, mit destillirtem Wasser;
sie erschienen, durch die 2 m dicke Schicht gesehen, schwach blau, bei noch
zeringerer Dicke verlor die blaue Farbe bedeutend an Intensität. Er betont
ferner den Einflufs gelöster oder aufgeschwemmter Körper: „Die kleinsten Mengen
farbiger Bestandtheile, die das Wasser als Schlamm oder Sand mit sich führt,
Huminstoffe, die es auch in den geringsten Mengen gelöst enthält, Reflexe eines
dunkeln oder stark gefärbten Untergrundes reichen hin, die natürliche Farbe zu
verdecken oder zu verändern.“
Etwa 20 Jahre später wurde die Frage von Tyndall,°) Soret”) und
Hagenbach!*) wieder aufgenommen. Tyndall hatte nachgewiesen, dafs das
Blau des Himmels nicht nothwendig auf einer Absorptionserscheinung beruht,
sondern daß es das Ergebniß einer Reflexion des Sonnenlichtes an vollkommen
farblosen Partikeln sein kann. Die einzig nothwendige Bedingung. für das Ent-
stehen der blauen Farbe ist die aufserordentliche Kleinheit der reflektirenden
Theilchen. Tyndall zeigte durch den Versuch, dafs die kürzesten Lichtwellen
am leichtesten durch die kleinsten Theilchen zurückgeworfen werden können,
Eine Bestätigung seiner Deutung fand er in der Polarisation der Atmosphäre,
da ja jeder unter einem bestimmten Einfallswinkel von einem durchsichtigen
Körper reflektirte Lichtstrahl polarisirt ist. Das Maximum der Polarisation
findet in einer zur Sonne senkrechten Richtung statt. Was die Natur der
reflektirenden Theilchen anlangt, so glaubt Tyndall, dafs sie durch Wasser-
Jämpfe im Zustande äufserst feiner Vertheilung gebildet werden. Sind die Dampf-
partikel gröfser, so werden die Strahlen von größerer Wellenlänge gleichzeitig
mit denen von kleinerer reflektirt, und der Himmel erhält dann ein mehr und
mehr weißes Ansehen.
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Newton, Optice, Lib I, pars II, prop. X, exp. XVII,
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Anz. d. Hydr. ete.. 1897. Heft X.