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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 25 (1897)

Duderstadt: Sturmböen in der Nordsee und der westlichen Ostsee, ‘ 385 
Hauptkraftentfaltung und Vertiefung entwickelt die Depression beim Vorschreiten 
nach Osten hin, mit dem Stillstand dieser Bewegung ist ihre Energie gebrochen, 
matt und wirkungslos entzieht sie sich unseren Blicken, 
Was an den besprochenen stürmischen Tagen hervorragend bemerkens- 
werth ist, das ist nicht der Umstand allein, dafs das unruhige Wetter in einer 
Jahreszeit eintrat, die sich in der Regel durch besonders schwache Luftbewegung 
auszeichnet, auch nicht der Umstand allein, daß jede der vorüberziehenden 
Depressionen ihre stürmischen Eigenschaften auf einem verhältnifsmäßig kleinen 
Gebiet der östlichen Nordsee und der westlichen Ostsee entwickelte, während 
Grofsbritannien, mit Ausnahme des äufsersten Nordwestens, nur mäfsige Winde 
meldet und die östliche Ostsee nur ganz zuletzt in den Sturmbereich gezogen 
wird, am charakteristischsten für diese Tage ist das eminent böenartige Auf- 
treten des Windes, wodurch auch wohl bedingt sein mag, dafs, mehr noch ‚als 
es sonst der Fall ist, die den Westwinden ausgesetzten Küsten, besonders jene 
der Windrichtung parallel laufenden Küstenstrecken, höhere Windstärken melden 
als an Ostküsten gelegene Stationen. Die harten Böen jedoch erwähnt .mit 
Betonung die Kaiserdepesche aus Gotenburg, stark böig und böig ist häufig die 
Bemerkung in den Obs.-Telegrammen der Küstenstationen. und in den Berichten 
der Signalstellen, heftige und zahlreiche Böen hat der Anemograph der Seewarte 
in Hamburg registrirt. Die zu den drei Beobachtungsterminen geschätzten Wind: 
stärken. erreichen, wie aus diesem Bericht hervorgeht, an den deutschen Küsten 
selten die Stärke 7 der Beaufort-Skala. Es sind dies aber auch nur Stich- 
proben und Zufallswerthe, sie lassen auf die in den Böen und Stößen erreichten 
Geschwindigkeiten sowie auf die durch diese hervorgerufene Gefahr für Küsten 
und Schiffahrt einen Schlufs nicht ziehen. Etwas anders als die Beobachtungs- 
stationen verhalten sich schon die Signalstellen, die bei unruhigem Wetter häufiger 
beobachten müssen. Diese haben häufig Stärke 8, auch 9, sogar 10 notirt, wobei 
sie dann freilich wohl Böen im Auge hatten. Die Bemerkungen dieser Beobachter 
geben dem Sturmbilde erst Charakter und Farbe. 
Eine noch korrektere, weil von subjektiven und äufseren Beeinflussungen 
freie Darstellung des Wetterverlaufes sollten die selbstaufzeichnenden Instrumente 
liefern. Doch im vorliegenden Falle weit gefehlt. Selbst die von Anemometern 
registrirten Windgeschwindigkeiten an der deutschen Küste, die ja stets nur den 
für je eine Stunde geltenden Mittelwerth des Windweges angeben, bieten noch 
keine. Möglichkeit, die ganze Gewalt des Windes in .den Böen zu ermessen, weil 
sich in den Stundenwerthen die nach den kurzen Böen eintretenden Ruhepausen 
mit den Böen selbst ausgleichen und den Mittelwerth herabdrücken. Die in den 
heftigsten Phasen des stürmischen Windes erreichten Mittelwerthe halten sich zwischen 
12 bis 14 m in der Sekunde, nur Kiel hat auch 16 m erreicht, Auf der „Hohen- 
zollern“ ist in den Böen 25,5m in der Sekunde gemessen, 25 m in der Sekunde ergab 
auch die Beobachtung .des sogenannten Böenapparates der Seewarte. Freilich er- 
reichten, in Hamburg wenigstens, nicht alle Böen 25m in der Sekunde; nehmen wir 
aber nur an, dafs während der böigen Stunden in jeder Stunde nur, und das ist niedrig 
yegriffen, vier Böen.von je fünf Minuten Dauer 20m in der Sekunde aufzuweisen haben, 
während in der ganzen übrigen Zeit nur etwa ein Wind von 10 m weht, so würde 
das Anemometer für die Stunde nur 13,3‘ m registriren. Wir müssen also umgekehrt 
schließen, dafs, wenn das Anemometer 13 m in der Sekunde als Stundenmittel an- 
giebt, und in der Zeit auch einige Böen eingefallen sind, diese volle Sturmes- 
stärke gehabt haben müssen, Würde ein Meteorologe, der nur die von den 
Anemometern registrirten todten Zahlen der Stundenmittel und die Terminbeob- 
achtungen‘ vor sich hätte, dem aber der Böencharakter des Phänomens nicht 
bekannt wäre, den Wetterverlauf der oben beschriebenen Tage bearbeiten, er 
würde nie die Einsicht gewinnen können, dafs er wirkliche Sturmtage vor sich 
hat. : Hier wie auch sonst muß in die Augen springen, dafs Mittelwerthe ohne 
die dazu gehörigen Extremwerthe nur eine sehr bedingte Bedeutung haben, ferner 
aber zwingt sich die Erkenntnifs auf, dafs es.sehr wünschenswerth wäre, Apparate 
in Thätigkeit .zu haben, die, speziell für den Wind, auch die Schwankungen in 
der Stärke, die Böen, registriren und ablesen lassen. Die Möglichkeit ist vor- 
handen, insoweit als es derartige Anemometer genug giebt; die Nothwendigkeit 
derartiger Messungen wird weder von der Wissenschaft bestritten, die längst den 
Wunsch hat, sich von den blofsen Mittelwerthen: frei zu. machen; noch wird von 
Ann. d. Hydr. etec., 1897. Heft IX. * 
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