376 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1897.
graphische Wetterberichte für die südliche Nordsee gesandt, vom 21. bis 27. Juni
gingen an die Kommandantur Helgoland täglich die Aussichten für die Witterung
des nächsten Tages ab. Es ist bekannt, dafs die englischen Yachten, die. am
23. Juni Dover verliefsen, auf der ganzen Tour nach Helgoland nur flaue
östliche Winde antrafen. Auch während der ersten Tage der „Kieler Woche“,
die am 26. Juni begann, war der Wind meist nur schwach und mäfßig, da die
Luftdruckvertheilung fast über ganz Europa ziemlich gleichmäfsig war mit einem
Gebiet höchsten Dräckes über der Nordsee. In den nächsten Tagen verschob
sich dieses Maximum mit geringfügigen täglichen Aenderungen weiter nach
Osten, und die Luftbewegung blieb schwach, Erst am 30. Juni zeigte sich
plötzlich im mittleren Theile Norwegens eine flache Depression, die mit zu-
nehmender Tiefe am 1. Juli bis zum Bottnischen Meerbusen fortgeschritten war
und in Verbindung mit hohem Druck im Westen in der Nordsee und westlichen
Ostsee Auffrischen der Winde aus NW verursachte.
Auf der Morgenkarte des 1. Juli zieht zwischen den Gebieten hohen
Druckes im Westen und Osten quer durch Europa von Lappland bis zur
französischen Mittelmeer - Küste eine breite Furche relativ niedrigen Druckes,
welche mehrere Centren niedrigsten Druckes aufweist, von denen das nordöst-
lichste am 2. Juli die frischen Winde erzeugte, während das mittelste und flachste
(nur wenig unter‘ 760 mm), im oberen Rheintbal und westlich von demselben
gelegen, jene unsäglich furchtbaren Verwüstungen durch Sturm, Wolkenbrüche
und Hagelschlag im südwestlichen Deutschland anrichtete,
Am Morgen des 2. Juli ist das Barometer nördlich von Schottland ge-
fallen. Die Aenderung der Wetterlage in Nordeuropa war offenbar auf der
„Hohenzollern“ gleichfalls bemerkt worden, denn am Nachmittag des 1. Juli
traf von ihr eine telegraphische Anfrage nach den Wetteraussichten bei der
Seewarte ein. Obschon es am Abend des 1. Juli (Donnerstag) in leichten Böen
ziemlich frisch aus NW und NNW wehte, schien doch eine Gefahr nicht vor-
zuliegen, und die Antwort lautete dementsprechend. Die Seeregatta von Kiel
nach Travemünde konnte am 2. Juli bei starken bis steifen Winden gesegelt
werden, und wenn auch einzelne Yachten Havarien hatten, ein ernstlicher Un-
fall ist nicht vorgekommen.
Am Morgen des 3, Juli liegt eine Depression unter 750 mm nördlich von
Schottland und läfst im Nordseegebiet die Winde zurückdrehen. Die deutsche
Nordseeküste blieb zunächst noch ruhig. Erst am Nachmittag frischte der Wind
auf Borkum und Helgoland auf, und das Wirkungsgebiet der Depression, die
nun schon von Stornoway bis Haparanda sich ausdehnte, erstreckte sich auf den
westlichen Theil der deutschen Ostseeküste. Die Prognose für den 4. Juli
lautete daher auf trübes Wetter mit auffrischenden südwestlichen und westlichen
Winden, Am Abend schon ist der östliche Theil der Depression südwärts bis
Südschweden vorgedrungen, und die Südfront der Depression liegt auf der Linie
Stornoway—Stockholm. In der Luftdruckkarte für den Morgen des 4. Juli liegt
niedriger Druck über der ganzen skandinavischen Halbinsel mit Barometerständen
unter 745 mm über Mittelskandinavien, während im Westen der Luftdruck stark
zugenommen hat, Infolgedessen hat die deutsche Nordseeküste und die westliche
Ostsee westliche und südwestliche Winde bis zur Stärke 7 der Beaufort-Skala,
begleitet von vielfachen Regenschauern, Das langsam, aber andauernd fallende
Barometer erreichte seinen niedrigsten Stand in Keitum auf Sylt (752,7 mm) um
9 Uhr und 10 Uhr vormittags bei Westnordwestwind über 13m in der Sekunde,
in Hamburg von 9a bis 3hp (755,9 mm) bei Westsüdwest- und Westwind über
14m in der Sekunde, in Kiel von 10*a bis 3*p (754,1 mm) bei Westsüdwest-
und Westwind über 14 m in der Sekunde, in Wustrow um 2* p und 6" p (753,5 mm)
bei Westsüdwest- und Westnordwestwind über 14m in der Sekunde. Diese
Angaben‘ der erreichten Windgeschwindigkeit sind die von den registrirenden
Anemometern aufgezeichneten Stundenmittel. Da aber der Wind zur Zeit des
niedrigsten Barometerstandes in ziemlich heftigen Böen wehte, die noch stärker
wurden, als das Barometer zu steigen anfıng, so sind für die einzelnen Stöfe
erheblich gröfsere wirkliche Geschwindigkeiten anzunehmen, aus Gründen, die
weiter unten näher erörtert werden sollen. Die Seeregatta in der Neustädter
Bucht fand also gerade zur Zeit des stärksten Windes statt, der vielfach volle
Sturmesstärke erreichte, Travemünde meldet für 2'p WSW 8. Das Anemo-