Krümmel: Ueber Gezeitenwellen,
345
und Posidonia, den beiden Endpunkten des Isthmus-Kanals, sowie von der Rhede
von Poros. Namentlich in Poros ist von einer eigentlichen Fluthkurve kaum die
Rede, sondern der von Makaroff dort für einige Zeit aufgestellte Pegel hat
eigentlich nur Wellen aufgezeichnet von rund 30 Minuten Periode und einer
Amplitude, die von 15 bis 40 cm schwankt. Aus den Engen des Euripus bei
Chalkis kennt man sie schon längere Zeit: hier haben sie die relativ lange
Periode von 87 Minuten bei 15cm Höhe und geben den Anlafs zu den alt-
berühmten, unregelmäfsigen Strömungen des Euripus. Die Erscheinung ist aber
durchaus nicht auf das Mittelmeer beschränkt, sie kommt zum Vorschein auf
vielen Fluthkurven unserer Nordsee, so von Helgoland, vom Helder und von
Ymuiden, nicht minder auch im Golf von Bristol bei Swansea und bei Bristol
selbst. Aber auch die Pegel auf oceanischen Inseln haben sie stetig verzeichnet,
wie wir u. A. von deutschen Beobachtungsstationen auf Auckland im Pacifischen,
Kerguelen im Indischen, Südgeorgien im Südatlantischen Ocean wissen. Danach
ist an der großen Verbreitung der Erscheinung nicht zu zweifeln.
Sieht man von den wenigen Fällen ab, wo diese Wellen auf Vulkan-
ausbrüche oder Seebeben zurückzuführen waren, so hat man sie bisher allgemein
als sogenannte stehende Schwingungen angesehen, die auf einem periodischen
Hin- und Herschwanken einer begrenzten Wassermasse beruhen und deren Periode
in einem bestimmten Verhältnifs zur horizontalen Länge und zur Wassertiefe des
Beckens steht, während die Höhe der Schwankungen von der Stärke des sie
erregenden Impulses abhängt. Dieser wurde wesentlich in meteorologischen
Vorgängen, in heftigen Luftstößsen bei Gewitterböen, raschen Luftdruckschwan-
kungen und dergleichen gesucht. Aber diese Erklärung scheiterte doch in sehr
vielen Fällen daran, daß es unmöglich war, ein auch nur einigermafsen ab-
geschlossenes Wasserbecken, dessen Inhalt schwingen ‚soll, in der Natur ausfindig
zu machen. An anderen Stellen, die dieser Anforderung vielleicht besser ent-
sprächen, fehlen, wie erwähnt, meteorologische Ursachen durchaus zu Zeiten, wo
diese kleinen Wellen sehr schön ausgebildet auftreten.
Schon Boergen hat in der Diskussion der Fluthbeobachtungen aus der
Moltke-Bai Südgeorgiens eine andere Meinung vertreten, nämlich dals es sich
auch hier um eine Art der uns bereits wohlbekannten Kombinationswellen handele,
die sich zwischen zwei Systemen gewöhnlicher Windwellen entwickeln, wenn
deren Perioden nur um Bruchtheile von Sekunden voneinander verschieden sind.
Zwei Dünungen von 11,0 und 11,3 Sekunden Periode, die gleichzeitig in das
flache Wasser einer Hafenbucht einlaufen, würden in der That Differenzwellen
von je 7!/4 Minuten Periode liefern. Für die in unserer Nordsee oder auf den
vorher genannten oceanischen Inseln vorkommenden derartigen Wellen könnte
dies wohl eine ganz annehmbare Erklärung geben. Aber sie versagt bei An-
wendung auf die griechischen Gewässer, wo diese Wellen bei voller Windstille
und glatter See sehr deutlich auftreten.
Admiral Makaroff hat die Meinung vertreten, dafs diese Wellen von so
kurzer Periode unmittelbar mit den halbtägigen Gezeitenwellen zusammenhingen,
im Griechischen Archipel würden die Fluthwellen zwischen den zahlreichen Inseln
und Halbinseln so mannigfaltig abgelenkt, getheilt und reflektirt, dafs sie in un-
endlichen Interferenzen einander durchdringen müfsten. Man wird aber dagegen
einwenden dürfen, dafs diese Erklärung wohl ganz gut auf die griechischen Ge-
wässer passen kann, nicht aber auch auf Alger, Malta, Neapel und Livorno.
Möglicherweise sind diese Wellen überhaupt nicht überall desselben Ur-
sprungs: in einigen Fällen mögen sie wirklich Kombinationswellen sein, in anderen
achte stehende Wellen, wie die Seiches des Genfer Sees, und sie mögen wie
diese durch atmosphärische Bewegungen ausgelöst werden. Aber auch die Fluth-
welle selbst, die ihren erhöhten Wasserstand in ein solches Hafenbecken hinein-
wirft, könnte solche Eigenschwingungen des eingeschlossenen Wassers hervor-
rufen, die, einmal eingeleitet, sich viele Stunden erhalten, um von der nächsten
Fluthwelle von Neuem inducirt zu werden. Zuletzt jedoch könnte man auch
ernstlich über den Gedanken diskutiren, ob man nicht in ihnen Oberfluthen von
hoher Ordnung zu erblicken habe. Legen wir die Periode der halbtägigen Fluth-
wellen zu Grunde, so würde ihre 12. Öberfluth eine Stunde, die 24, eine halbe
Stunde Periode haben, Zeitgröfsen, wie sie in der That bei diesen kleinen Wellen
häufig beobachtet werden. Auch hier würde nun die Analogie mit den Ober-
Ann, d, Hydr. ote., 1897, Heft YIIL