342 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1897.
Wassertiefe richtet (in unserem Falle würden beide 713 km in einer Stunde
äurchmessen). Setzen wir zunächst als einfachsten Fall: je eine Mond- und
Sonnenwelle bewegten sich in der gleichen Richtung von einem Punkte aus
durch das Wasser hin, so ist klar, daß sie bei ihrer ungleichen Wellenlänge bald
auseinander kommen. Der Kamm der ersten Mondwelle wird von dem der
nächsten Sonnenwelle um '/29 entfernt sein, die zweite wird schon um */ıs, die
Aritte um !/10 der ganzen Wellenlänge abstehen, und der Kamm der 30. Sonnen-
welle würde mit dem der 29. Mondwelle wieder genau zusammentreffen. Das
letztere ist jedoch in den irdischen Meeren ausgeschlossen, die dafür zu unregel-
mäfsig gestaltet sind, so dafs dieselbe Welle nicht so viele Male, wie hierzu
aöthig wäre, um die ganze Erde herumlaufen könnte. Nehmen wir nun aber
weiter an, dafs zwei solcher gepaarter Systeme sich unter einem grofsen Winkel
durchkreuzen, so wird bei einiger Ueberlegung Folgendes klar. Da, wo sich die
Kämme beider Sonnenwellen und beider Mondwellen zugleich kreuzen, wird man
hohe Fluthen mit dem richtigen theoretischen Verhältnifßs der Mond- zu den
Sonnenwellen erwarten dürfen, also wie 100:44. Kine Wellenlänge weiter aber
durchkreuzen sich die Kämme der beiden Mondwellen im Anfang des Wellen-
‘hals der Sonnenwellen, und umgekehrt durchkreuzen sich wieder die beiden
Kämme der Sonnenwellen im Thalhang der Mondfiuthwellen. Hier giebt es
natürlich an beiden Kreuzpunkten ganz andere Verhältnisse der Gröfse der
Sonnenwelle zur Mondwelle: im ersten Falle wird die Sonnenwelle viel kleiner,
im zweiten viel höher ausfallen, als das theoretische Verhältnifs erfordert, und
doch liegen beide Orte in flachem Wasser gar nicht sehr weit voneinander ent-
‘ernt. Es ist klar, dafs bei solchen Interferenzen jedes beliebige Verhältnifs von
Mondfluth- zu Sonnenfluthhöhe herauskommen kann.
Nun aber weiter: außer den halbtägigen Wellen, die wir bisher betrachtet
haben, entstehen auch eintägige, und zwar werden sie wieder sowohl vom Mond
wie von der Sonne erzeugt. Diese eintägigen Wellen haben die doppelte Länge
der halbtägigen, laufen aber mit derselben Geschwindigkeit wie diese durch den
Ocean hin, da auch sie darin von der Wassertiefe allein abhängig sind. Zu den
vorher beschriebenen Interferenzen treten nun noch diese eintägigen Wellen
hinzu, die sich mit den halbtägigen und untereinander kombiniren durch algebraische
Addition ihrer Wasserstände. Da ist nun sehr leicht der Fall denkbar, dafßs an
einem Orte zwei Systeme halbtägiger und zwei Systeme eintägiger Wellen sich
in einem erheblichen Winkel durchkreuzen, und hierbei die eintägigen Wellen
in solchen Phasen aufeinander treffen, dafs sie sich gegenseitig aufheben (immer
der Wellenberg der einen im Wellenthal der anderen), während die halbtägigen
sich wenig beeinflussen oder in ihren Phasen gleichsinnig sind, sich also ver-
stärken, dann haben wir gut ausgeprägte, halbtägige Wellen und eine schwache
oder verschwindend kleine, tägliche Ungleichheit, wie an unseren europäischen
Westküsten. Im entgegengesetzten Falle aber, wo an einem anderen Punkte
gerade die halbtägigen Wellen mit entgegengesetzten Phasen einander durch-
schneiden und sich damit auslöschen, bleiben die eintägigen Wellen allein übrig,
and diese könnten sich unter Umständen sogar gleichphasig übereinander lagern
and mächtig verstärken: dann entstehen Eintagsfluthen, wie im Golf von Mexiko
oder in den australasiatischen Gewässern. Dazwischen kann es natürlich alle
möglichen Uebergänge geben. Gewifs, einen einfacheren Weg, den HKEintags-
fAAluthen das Wunderbare zu nehmen, giebt es wohl kaum,
Setzen wir nun noch den Fall, dafs solche Wellensysteme in genau ent-
gegengesetzten Richtungen einander durchdringen, so wird man vielleicht einen
Punkt finden können, wo alle Mondwellen sich gegenseitig aufheben, die Sonnen-
wellen dagegen bestehen bleiben, ja ihre Wasserstände sich in gleichem Sinne
addiren: dann richtet sich die Flutherscheinung allein nach der Sonne, wie in
Tahiti, an einer gewissen Stelle der Java-See oder an der irischen Küste in
Courtown.
Man sieht in einer solchen Analyse der Interferenzerscheinungen, wie sie
hier in wenigen kurzen Zügen nach Boergens Anleitung versucht worden ist,
in der That einen Weg, um zu einem Verständnifs scheinbar ganz regelloser
Vorgänge zu kommen, Allerdings ist man nicht im Stande zu sagen, warum,
am beim letzten Falle stehen zu bleiben, gerade in Tahiti und nicht erst auf
siner der Samoa-Inseln oder an irgend einem anderen Punkte des Pacifschen