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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 25 (1897)

Krümmel: Ueber Gezeitenwellen, 
— wie das übrigens auch thatsächlich der Fall ist. Die Richtung, in der diese 
freien Wellen fortschreiten, ist dann ebenfalls durch die Bodenkonfiguration 
gegeben, und es ist nicht nothwendig, geschweige denn wahrscheinlich, dafs z. B. 
im Nordatlantischen Ocean nur ein Wellensystem in der Richtung von Süden 
nach Norden läuft, wie wir aus den Hafenzeiten an den westeuropäischen Küsten 
vorhin abgelesen haben, sondern es könnte daneben recht gut noch ein zweites 
etwa von NO nach SW durch den Ocean dahin schreiten, . 
Airys grofse Abhandlung deutet solche Specialfälle meist nur flüchtig an 
und überläflst dem Leser die weitere Ausführung, die freilich nicht geringe Ge- 
wandtheit in den Methoden der höheren Analysis voraussetzt. Ueberdies ist seine 
Abhandlung schwer zugänglich in der Encyklopaedia Metropolitana vergraben. 
Daher mag es geschehen sein, dafs erst nach und nach bei intensiverer Ver- 
tiefung in seine Formeln und Gleichungen deren ganze Tragweite enthüllt und 
gedeutet werden konnte. In England haben sich so namhafte Persönlichkeiten 
wie (der jetzige) Lord Kelvin und George Darwin, der Sohn des grofsen 
Darwin, an diesen Arbeiten betheiligt. Aber besonders hervorragende Leistungen 
auf diesem Gebiete sind einem deutschen Fachmann zu danken, dem Direktor 
des Observatoriums in Wilhelnsbaven, Professor Boergen. Auf seine Arbeiten 
möchte ich zunächst eingehen, da sie wesentlich auf die Fluthwellen des tiefen 
Oceans Bezug haben und auf das allgemeine Bild des ganzen Phänomens ein 
neues Licht zu werfen geeignet sind, . 
Wie wir auf einer kleinen Wasserfläche sich verschiedene Systeme von 
Wellen ganz unabhängig voneinander ausbilden und durchkreuzen sehen können, 
so mufs das auch bei den Gezeitenwellen im weiten Ocean der Fall sein: diese 
müssen also beliebig Interferenzen miteinander bilden können, wie der Kunst- 
ausdruck lautet. Wir nehmen zunächst den einfachen Fall, dafs sich zwei Wellen- 
systeme in einem rechten Winkel durchkreuzen mögen. Denken wir .uns das 
Meer dann in einem Augenblick auf der ganzen Fläche erstarrt, so wird das 
Bild im Allgemeinen das eines breitmaschigen Netzes sein, wo. die Wellenkämme 
des einen Systems die Kette, die des anderen den Einschlag liefern. Betrachten 
wir eine Kreuzungsstelle zweier Kämme, so haben sich hier die Höhen beider 
Wellen addirt, wir haben also hohe Fluthen zu erwarten, denn wenn unser er- 
starrtes System wieder lebendig wird, so werden an dieser selben Stelle nach 
sechs Stunden ‚auch wieder die Wellenthäler beider Wellensysteme zusammen- 
treffen, also ein sehr tiefes Niedrigwasser ergeben. Gehen wir nun von diesem 
Kreuzpunkt aus an dem einen Wellenkamm entlang weiter, so finden wir eine 
andere Stelle, wo er von einem Wellenthal des zweiten Systems durchkreuzt 
wird: hier werden. die Fluthen kleiner ausfallen. Also lediglich durch Interferenz 
zweier Systeme von Fluthwellen, die sich unter einem erheblichen Winkel durch- 
kreuzen, können grofse Unterschiede in der Höhe des Fluthwechsels zu Stande 
kommen. Da der Phasenunterschied zwischen beiden Wellen für denselben Ort 
konstant bleibt, so wird das nicht nur einmal der Fall sein, sondern werden die 
Fluthen ständig denselben Charakter behalten. Man sieht, hierdurch verlieren 
die auffälligen Unterschiede in den Fluthgröfsen der oceanischen Inseln das 
Wunderbare, und wir dürfen sagen: so können sie recht wohl zu Stande kommen. 
Aber jeder Ocean ist der Tummelplatz gar vieler solcher Wellensysteme 
kosmischen Ursprungs. Wenn der Mond zwei oder drei solcher unter ver- 
schiedenem Winkel sich treffenden Wellensysteme erzeugt, so bildet auch die 
Sonne ebenso viele aus, wenn sie auch an Höhe, wie wir aus der Theorie 
wissen, nicht halb so grofs ausfallen, wie die anderen. Alle Wellen, lunaren 
oder solaren Ursprungs, sie bilden Interferenzen. Was dabei herauskommen 
kann, ist wunderbar genug, und Boergen vermag danach gerade die auffälligsten 
Abnormitäten der oceanischen Fluthwellen unserem Verständnifs näher zu bringen. 
Die halbtägige Sonnenwelle hat bekanntlich eine Periode von genau 
12 Stunden, während die der Mondwelle um fast eine halbe Stunde, genauer 
0,42 Stunden, länger ist. Entsprechend werden die Kämme der Mondwellen 
weiter voneinander abstehen, und ihre Wellenlängen werden sich zu denen der 
Sonnenwellen verhalten wie 1242 zu 1200 oder angenähert wie 30 zu 29. In 
einem Ocean von 4000 m Tiefe sind die Mondwellen 8850 km lang, die Sonnen- 
wellen aber 300 km kürzer. Aber beide Wellen bewegen sich mit gleicher Ge- 
schwindigkeit durch das Meer hin, da sich das, wie wir. wissen, nur nach der 
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