Krümmel: Ueber Gezeitenwellen,
— wie das übrigens auch thatsächlich der Fall ist. Die Richtung, in der diese
freien Wellen fortschreiten, ist dann ebenfalls durch die Bodenkonfiguration
gegeben, und es ist nicht nothwendig, geschweige denn wahrscheinlich, dafs z. B.
im Nordatlantischen Ocean nur ein Wellensystem in der Richtung von Süden
nach Norden läuft, wie wir aus den Hafenzeiten an den westeuropäischen Küsten
vorhin abgelesen haben, sondern es könnte daneben recht gut noch ein zweites
etwa von NO nach SW durch den Ocean dahin schreiten, .
Airys grofse Abhandlung deutet solche Specialfälle meist nur flüchtig an
und überläflst dem Leser die weitere Ausführung, die freilich nicht geringe Ge-
wandtheit in den Methoden der höheren Analysis voraussetzt. Ueberdies ist seine
Abhandlung schwer zugänglich in der Encyklopaedia Metropolitana vergraben.
Daher mag es geschehen sein, dafs erst nach und nach bei intensiverer Ver-
tiefung in seine Formeln und Gleichungen deren ganze Tragweite enthüllt und
gedeutet werden konnte. In England haben sich so namhafte Persönlichkeiten
wie (der jetzige) Lord Kelvin und George Darwin, der Sohn des grofsen
Darwin, an diesen Arbeiten betheiligt. Aber besonders hervorragende Leistungen
auf diesem Gebiete sind einem deutschen Fachmann zu danken, dem Direktor
des Observatoriums in Wilhelnsbaven, Professor Boergen. Auf seine Arbeiten
möchte ich zunächst eingehen, da sie wesentlich auf die Fluthwellen des tiefen
Oceans Bezug haben und auf das allgemeine Bild des ganzen Phänomens ein
neues Licht zu werfen geeignet sind, .
Wie wir auf einer kleinen Wasserfläche sich verschiedene Systeme von
Wellen ganz unabhängig voneinander ausbilden und durchkreuzen sehen können,
so mufs das auch bei den Gezeitenwellen im weiten Ocean der Fall sein: diese
müssen also beliebig Interferenzen miteinander bilden können, wie der Kunst-
ausdruck lautet. Wir nehmen zunächst den einfachen Fall, dafs sich zwei Wellen-
systeme in einem rechten Winkel durchkreuzen mögen. Denken wir .uns das
Meer dann in einem Augenblick auf der ganzen Fläche erstarrt, so wird das
Bild im Allgemeinen das eines breitmaschigen Netzes sein, wo. die Wellenkämme
des einen Systems die Kette, die des anderen den Einschlag liefern. Betrachten
wir eine Kreuzungsstelle zweier Kämme, so haben sich hier die Höhen beider
Wellen addirt, wir haben also hohe Fluthen zu erwarten, denn wenn unser er-
starrtes System wieder lebendig wird, so werden an dieser selben Stelle nach
sechs Stunden ‚auch wieder die Wellenthäler beider Wellensysteme zusammen-
treffen, also ein sehr tiefes Niedrigwasser ergeben. Gehen wir nun von diesem
Kreuzpunkt aus an dem einen Wellenkamm entlang weiter, so finden wir eine
andere Stelle, wo er von einem Wellenthal des zweiten Systems durchkreuzt
wird: hier werden. die Fluthen kleiner ausfallen. Also lediglich durch Interferenz
zweier Systeme von Fluthwellen, die sich unter einem erheblichen Winkel durch-
kreuzen, können grofse Unterschiede in der Höhe des Fluthwechsels zu Stande
kommen. Da der Phasenunterschied zwischen beiden Wellen für denselben Ort
konstant bleibt, so wird das nicht nur einmal der Fall sein, sondern werden die
Fluthen ständig denselben Charakter behalten. Man sieht, hierdurch verlieren
die auffälligen Unterschiede in den Fluthgröfsen der oceanischen Inseln das
Wunderbare, und wir dürfen sagen: so können sie recht wohl zu Stande kommen.
Aber jeder Ocean ist der Tummelplatz gar vieler solcher Wellensysteme
kosmischen Ursprungs. Wenn der Mond zwei oder drei solcher unter ver-
schiedenem Winkel sich treffenden Wellensysteme erzeugt, so bildet auch die
Sonne ebenso viele aus, wenn sie auch an Höhe, wie wir aus der Theorie
wissen, nicht halb so grofs ausfallen, wie die anderen. Alle Wellen, lunaren
oder solaren Ursprungs, sie bilden Interferenzen. Was dabei herauskommen
kann, ist wunderbar genug, und Boergen vermag danach gerade die auffälligsten
Abnormitäten der oceanischen Fluthwellen unserem Verständnifs näher zu bringen.
Die halbtägige Sonnenwelle hat bekanntlich eine Periode von genau
12 Stunden, während die der Mondwelle um fast eine halbe Stunde, genauer
0,42 Stunden, länger ist. Entsprechend werden die Kämme der Mondwellen
weiter voneinander abstehen, und ihre Wellenlängen werden sich zu denen der
Sonnenwellen verhalten wie 1242 zu 1200 oder angenähert wie 30 zu 29. In
einem Ocean von 4000 m Tiefe sind die Mondwellen 8850 km lang, die Sonnen-
wellen aber 300 km kürzer. Aber beide Wellen bewegen sich mit gleicher Ge-
schwindigkeit durch das Meer hin, da sich das, wie wir. wissen, nur nach der
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