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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 25 (1897)

Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1897. 
Endlich wird das Bild der Gezeiten noch dadurch verwickelt, dafs die 
Springfluthen nur an sehr wenigen Orten wirklich der Theorie gemäfs mit Voll- 
mond oder Neumond zusammenfallen. Das geschieht z. B bei den sehr kleinen 
Fluthen im Golf von Neapel. An den meisten atlantischen Orten tritt dagegen 
die Springfluth ’!/2 bis 2!/ "Tage später ein, und — eine sehr merkwürdige Aus- 
aahme — in Toulon am Mittelmeer sogar 4°/4 Stunden vor den Syzygien, Noch 
auffälliger ist die Verspätung im Auftreten der täglichen Ungleichheit. Diese 
soll ihr Maximum erreichen zu der Zeit gröfster nördlicher oder südlicher Dekli- 
nation des Mondes oder der Sonne, erreicht in Wirklichkeit ihr höchstes Mas 
aber meist mit mehrtägiger Verspätung: an den europäischen Küsten um 4 bis 
7 Tage, in Toulon um 2 Tage. Wieder ist vom Mexikanischen Golf das Auf- 
fälligste zu melden: hier trifft das Maximum meist nur wenige Stunden nach der 
gröfsten Deklination ein, aber an einem Küstenplatze sogar 17 Stunden vor der 
zu erwartenden Zeit. 
Angesichts so vieler erheblicher Abweichungen von allen durch die Theorie 
gegebenen Regeln haben sich manche Forscher früher wie heute auf den Stand- 
punkt gestellt, dafs offenbar überall so viele rein lokale Verhältnisse störend 
und trübend in das ursprüngliche Bild der Gezeiten eingreifen, dafs es geradezu 
hoffnungslos wäre, nach einer Theorie zu suchen, die Licht und Ordnung in 
dieses Chaos brächte. 
Dennoch ist das bis zu einem gewissen Grade Airy gelungen. Seine 
mathematisch streng begründete Theorie erfafst das Gezeitenphänomen als eine 
Art von Wellenbewegung, und zwar hat er die erforderlichen Berechnungen ent- 
wickelt für einen Meereskanal oder doch ein Meeresbecken, das von grofser 
horizontaler Längenausdehnung bei geringer Breite überall von gleicher Tiefe 
ist, dessen Längenachse aber heliebig auf der Erde orientirt sein kann. Unter 
der Annahme einer gleichmäfsigen Wassertiefe und einander paralleler Küsten 
entstehen in einem solchen Kanal durch die Einwirkung eines flutherzengenden 
Gestirns gleichzeitig dreierlei Arten von Wellen: halbtägige, eintägige und solche 
von längerer Periode (14 Tagen, 29 Tagen, einem halben oder ganzen Jahr ete.). 
Die Höhe dieser Wellen ist direkt proportional der Wassertiefe, also nur im 
tiefen Ocean beträchtlich, und alle drei Arten von Wellen addiren die sich aus 
ihnen ergebenden Wasserstände algebraisch zu einander. Kommt noch ein zweites 
fAutherzeugendes Gestirn, also die Sonne, zum Mond hinzu, so bildet sich ein 
zweites System dieser drei Wellenkategorien aus, das ebenfalls seine Wasser- 
stände zu den gleichzeitig vom Mond erzeugten algebraisch addirt, wobei dann, 
wie man leicht einsieht, Springfluthen und taube Fluthen u. A. zu Stande kommen. 
Die Länge der halbtägigen Wellen von einem Kamm bis zum nächsten ist gleich 
dem halben Erdumfang, die der eintägigen gleich dem ganzen; die Geschwindig- 
keit, mit der sie sich um die Erde bewegen, folgt genau derjenigen des Gestirns, 
das sie erzeugt: es sind sogenannte gezwungene Wellen (forced waves). In 
unseren irdischen Meeren aber werden sie nicht zu finden sein; die Oceane sind 
sehr unregelmäfsig geformte Becken von ungleicher, häufig wechselnder Tiefe, 
durchsetzt von Inselgruppen, was also einer der vornehmsten Voraussetzungen 
der ursprünglichen Kanaltheorie widerspricht. Airy aber konnte, und zwar 
wiederum streng mathematisch, zeigen, dafs alsdann aus den „gezwungenen“ 
Wellen sogenannte „freie“ Wellen entstehen, deren Kigenschaften folgende sind: 
Ihre Periode ist unverändert die der gezwungenen, also halbtägig, ganztägig, 
vierzehntägig u. s. f.; die Geschwindigkeit aber, mit der sie durch die Meere 
dahinschreiten, ist allein abhängig von der örtlichen Wassertiefe, und zwar pro- 
portional der Quadratwurzel aus der Tiefe. Da man nun die Wellenlänge erhält, 
wenn man die Geschwindigkeit der Welle mit ihrer Periode multiplicirt, so er- 
giebt sich, dafs auch die Länge der freien Wellen von der Wassertiefe abhängt. 
So werden denn die halbtägigen Wellen nicht mehr den halben Erdumfang oder 
20 000 km lang sein, sondern immer viel kürzer: im gröfsten irdischen Ocean, 
dem Pacifischen, der eine ost—westliche Ausdehnung am Aequator von rund 
17 000 km hat, würden unter der Annahme einer Tiefe von 4000 m zwei voll- 
ständige Fluthwellen im Abstande von je 5500 km knapp Raum haben. Um so 
kürzer würden sie dagegen in den flacheren Meeren sein; in unserer Nordsee 
beispielsweise zwischen 500 und 1000 km, so dafs der eine Wellenkamm bei den 
Orkney-Inseln, der zweite noch 100 km seewärts von Helgoland zu liegen käme 
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